03 #grösse

Blog 03: 25. April 2020 von Georg Steinhausen

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03 #Größe

„Öffnungsdiskussionsorgie“, lautet das Wort des 20. April 2020, ausgesprochen von Bundeskanzlerin Merkel. Wer setzt sich durch, die Befürworter einer großen Exit-Strategie oder diejenigen, die eine kleinschrittige, vorsichtige Öffnung favorisieren?

Die regionalen Landesfürsten, endlich mal wahrgenommen im großen Politikbetrieb, bringen sich und ihre Klientel in Stellung. Wer bringt die weltweite Pandemie, mit den örtlichen Gegebenheiten und den Anforderungen nach Abstand und Hygiene am besten unter einen Hut? Wem gelingt es, gleichzeitig dem Schutz des Einzelnen, dem Schutz der Großindustrie, den Anforderungen der Gesellschaft, den Bedürfnissen des lokalen Einzelhandels und seinen eigenen Ambitionen gerecht zu werden?

Wat och passeet, dat Eine es doch klor, et Schönste, wat m’r han, schon all die lange Johr, es unser Veedel, denn he hält m’r zosamme, ejal, wat och passeet, en uns’rem Veedel.

Die Sonne scheint jetzt schon seit fast 5 Wochen. Wolkenloser Himmel, Trockenheit und Waldbrände schon im April, irgendwie kündigt sich ein neues heißes Jahr an. Vor einiger Zeit habe ich ein Früh-Hochbeet gebaut mit einem Schutzdach für die kalten Nächte. Der erste eigene Salat bereichert gerade das Mittagessen. Die Radieschen machen sich gut, ebenso wie die Kartoffeln vor der Haustür. Die Möhren zeigen sich noch unentschlossen. Gießen ist gerade besonders wichtig. Darüber hinaus beziehen wir einige Lebensmittel über die „Marktschwärmer“. Wir bestellen per Internet bei regionalen Erzeugern und holen die Bestellung -natürlich per Rad- am Mittwoch-Nachmittag in der Nähe ab. Alles fair, nachhaltig, bio und vor allem regional. Dies ist mittlerweile nicht nur bei uns und in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch im Supermarkt um die Ecke angekommen. Lokal produziert ist derzeit angesagt. Weltweit gibt es das Konzept des „Urban Gardening“, die Nutzung öffentlicher, frei zugänglicher Flächen für den Anbau von Früchten, Gemüse und Kräutern. Klein, aber sehr effektiv und Gemeinsinnorientiert!

Die ersten 20 Jahre meines Lebens habe ich auf einem kleinen Bauernhof in einem kleinen Dorf im Sauerland verbracht. 25 Schüler*innen in der kompletten Schule, ein paar Kühe und Schweine, 40 Hühner, Milch, selbsthergestellte Butter, Gemüse aus dem eigenen großen Garten, Kartoffeln vom großen Acker inklusive des Futters für die Tiere und Fleisch sowie Wurst per Hausschlachtung, zwar nicht vegetarisch oder gar vegan, aber alles 100% Bio. 365 Tage im Jahr, jeden Tag all die notwendigen Dinge im kleinbäuerlichen Betrieb miterledigen, hat meine handwerklichen Fähigkeiten geschult, war aber nicht förderlich bei er Überlegung, dies jetzt wieder als Tätigkeit im städtischen Bereich aufzunehmen.

Kopf, Herz, Magen und Verstand sagen ja, die Hände sind eher unentschlossen. Meine Frau Christiane ist da anders, sie sorgt sich um die Leckereien aus dem eigenen Garten und erfreut die Nachbarschaft mit kleinen wöchentlichen Überraschungen, small ist in der Tat beautiful. Insgesamt aber hakt es gewaltig, bei der Rückkehr zum menschlichen Maß in unserer Gesellschaft: Wir wissen alles, setzen es aber nie um. Das Handeln folgt selten der Erkenntnis. Wir denken noch nicht zu Ende was für ein Leben wir führen möchten, was wir dafür benötigen und was unsere ersten Schritte auf diesem Weg sein sollten, sein könnte. Ist die kürzeste Lieferkette der Welt, der Salat aus dem eigenen Hochbeet, und ist das auch der erste Schritt auf diesem Weg?

Vor ziemlich genau 50 Jahren, Anfang der 70er Jahre, machte ich meine ersten Schritte, um die große weite Welt zu erkunden. Erste Station Düsseldorf. Weg vom Kartoffelacker und dem Dreck der Kfz-Werkstatt, hinein in die Zukunft als Maschinenbau-Student. Technik als Lösung aller Probleme, entsprach dem Zeitgeist. Raus aus der scheinbaren Enge hinaus in die große, weite, riesige offene Zukunft.

Zur gleichen Zeit kehrte ein späterer alternativer Nobelpreisträger zurück nach Europa und schrieb, gemeinsam mit einem englischen Ökonomen und Wirtschaftsmanager, ein Buch über Größe, Begrenztheit und eine alternative wirtschaftliche Denkweise. Während sich für mich die Welt öffnete mit all ihren Verlockungen und unendlichen Möglichkeiten, gab es offensichtlich Menschen, die eine „Rückkehr zum menschlichen Maß“ forderten. „Small is beautiful“, hieß das Buch.

Solche Gedanken waren natürlich undenkbar, für einen Maschinenbau Studenten. Meine Schritte gingen vorwärts, in die Zeit, als Größe zum einzigen Maßstab der Qualität für unser Leben wurde, nicht small. Wir entwickelten größere Autos, Wohnungen, Häuser, Kühlschränke, Schulen, Fabriken, Stadien, Einkaufszentren. „Wir wurden die Größten“. Der Begriff Größe hat in seiner geschichtlichen Entwicklung auch immer etwas mit Vereinheitlichung zu tun. Je größer etwas wird, desto strikter muss es geplant und geregelt werden. Größe geht daher einher mit Zentralisierung. Größe steht für Erfolg, Expansion und Macht. Die Steigerung von Größe ist super. Supermacht.

Angelangt sind wir mittlerweile bei wenigen Großkonzernen, deren globale Macht die wirtschaftlichen, finanzielle und politischen Geschicke der weiteren Entwicklung zu bestimmen scheinen. Angelangt sind wir auch in einer ökologischen Problemdimension, bestehend aus Ressourcenknappheit, Umweltzerstörung, Verlust an Artenvielfalt, Folgen des Klimawandels, sich ausbreitender Krankheiten, der Entwaldung, der Bodenerosion, der Erschöpfung von Wasserressourcen, steigender Luftverschmutzung und Meeresspiegel, welche in ihrer schieren Größenordnung nicht nur den Einzelnen oder einzelne Länder sondern auch die Weltorganisationen zu überfordern scheinen. Mir scheint, all dies hört sich nicht nach „Ökologie, wir haben ein Problem“, sondern eher nach §3 des kölschen Grundgesetzes: „Et hät noch immer jotjejange“ an, also nach dem grundsätzlichen Einverständnis, genauso leben zu wollen. Ulrich Brand und Markus Wissen nennen das Ergebnis dieser Art Gesellschaftssystem, „Imperiale Lebensweise“, so heißt auch ihr Buch, aus dem Jahre 2017. Nicht nur wir im globalen Norden spüren erste Auswirkungen dieser Krisen, insbesondere der globale Süden steht vor unlösbaren Aufgaben. Kriege um Wasser und Ressourcen sind an der Tagesordnung und führen u.a. zu riesigen Migrationsbewegungen. Die Ungleichheit der Welt nimmt rapide zu. Freiheit bedeutet heute: Geld kennt keine Grenzen, wohl aber die Menschen. Die paradoxe Situation: Unsere „imperiale Lebensweise“ ist angewiesen auf ein gigantisches Fremdversorgungssystem, welches uns alles kostengünstig liefert, was wir meinen zu benötigen. „Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse anderer“, wie Stephan Lessenich in seinem Buch „Neben uns die Sintflut“ schreibt (S. 64), oder „Unser Wohlstand beruht auf ökologischer Plünderung“ wie es Niko Paech ausdrückt. Gleichzeitig halten wir alles, was sich an negativen Konsequenzen aus unserem Lebensstil ergibt, möglichst weit von uns weg. Wie kommen wir aus dieser Zwickmühle heraus? Reicht die Abschottung unserer Grenzen, die wir immer enger ziehen -erst waren es die EU-Außengrenzen, im Zuge von Corona sind es schon die Landesgrenzen und z.T. die Grenzen der Bundesländer- um die Probleme und Krisen aufzuhalten?

Das System ist uns über den Kopf gewachsen, gibt es eine „Exit-Strategie“ zurück zu Small is beautiful? Wenn allein drei US-amerikanische Bürger (Gates, Bezos, Buffett) ein größeres Einkommen haben als 50% aller Amerikaner zusammen, braucht es kein weiteres Argument gegen Größe. Wenn alle Menschen weltweit so verschwenderisch mit den Ressourcen umgehen würden, wie die USA bräuchten wir 5 Erden, beim deutschen Lebensstil sind es „nur 3,5“. Kohr und Schumacher haben diese Entwicklung vorausgeahnt, für sie stand Wachstum immer in Beziehung zu seiner Funktion: Kohr beschreibt in seinem Buch „die überentwickelten Nationen“ schon 1962, am Beispiel des Wachstums eines Wolkenkratzers und seiner Funktion, dass dieser ab einer bestimmten Höhe nur noch aus Fahrstühlen bestehen müsste, „die man zur Beförderung der Menschen brauchte, die darin untergebracht werden könnten, .. die einzige Beschäftigung, die uns der Riesenbau bieten könnte, wären allerdings Fahrstuhlführer“. (Kohr, 194f) Weiter führt er aus, Organismen kennen nur begrenztes Wachstum. Für sie ist Wachstum bis zu einem gewissen Punkt vorteilhaft und wirkt anschließend zerstörerisch. Ein Zahn wächst beispielsweise nicht unbegrenzt. Dieser Wachstumsmechanismus der Natur ist nicht auf biologische Organismen beschränkt, sondern gilt auch für alle sozialen Organismen, Städte, Staaten. Sie haben damals schon die gigantische weltweite Verstädterung und ihre desaströsen Folgen beschrieben. Welche Funktionen können Städte mit 15 Millionen Einwohnern erfüllen? Welche Größe ist angemessen? Es kommt darauf an, was wir tun wollen. „Die Frage der Größe ist heute äußerst wichtig, und zwar in politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Dingen ebenso wie bei nahezu allem anderen“, denn die „wirklichen Dinge des Lebens lassen sich nicht berechnen“ (Kohr, 57ff), wie wir gerade schmerzhaft erfahren.

Trumps Wahlslogan „Make America great again”, erfüllt sich derzeit auf perfide Weise. Die meisten Covid-19 Erkrankungen und Tote weltweit, haben die USA und noch ist kein Ende abzusehen.

Schumacher schreibt in diesem Zusammenhang: „Ein Industriesystem, das vierzig Prozent der Ressourcen der Welt braucht, um damit weniger als sechs Prozent der Weltbevölkerung zu versorgen, ließe sich nur dann leistungsfähig nennen, wenn es erstaunliche Erfolge hinsichtlich des Wohlbefindens, der Kultur, des Friedens und der Eintracht seiner Menschen erzielte … das amerikanische System leistet das mit Sicherheit nicht“. (Schumacher 108) Für Kohr und Schumacher muss Größe immer eine bestimmte Funktion erfüllen, die den Menschen dient. Was wir derzeit bei vielen populistischen Führern (interessanterweise nur Männer), bei ihren Versuchen der Krise Herr zu werden, beobachten können: Erster Spruch, „Wir haben alles unter Kontrolle“, dann folgt ständiges Hin und Her -also kein Plan, verbunden mit Leugnen der Gefahr und mit dem Finger auf vermeintlich diejenigen zeigen, die Schuld an der Krise sind-, im vorletzten Schritt delegieren sie dann die Drecksarbeiten an untere Behörden oder Bundesstaaten / Städte um sich im letzten Schritt als alleinige Retter zu präsentieren. Amerika ist hier nur ein Beispiel.

Dass es um das Wohlbefinden, die Kultur, die Gesundheit in Amerika mehr als schlecht bestellt ist, beschreibt Joseph Stigler, der Nobelpreisträger für Ökonomie, in seinem gerade erschienen Buch „Der Preis des Profits“. „Eine kapitalistische `Winner takes it all`-Mentalität, die nur auf die eigene Nutzenmaximierung aus ist, hat sich in unserem politischen System breit gemacht, Normen zerstört und die Fähigkeit zu Kompromissen und Konsensfindung untergraben. Wenn sie nicht gezügelt wird, wird sie den nationalen Zusammenhalt zerstören“. (Stigler, 59) Die USA stehen beim Lebensstandard (Human Development Index) an 13. Stelle, bezieht man die Ungleichheit mit ein, rutschen sie auf den 24. Platz ab (Stigler, 65). Bei der Ungleichheit glänzen sie in Bezug auf Rasse, ethnische Gruppen und Geschlecht, deutlich wird dies für alle drei Gruppen bei der Gesundheit (US-Bürgen haben eine sehr geringe Lebenserwartung, dem Vermögen (1% hat mehr Einkommen als 40% der Bevölkerung) und den Chancen (1/5 der Kinder wächst in Armut auf, dies wird dann in jeder Generation weitergegeben. (Stigler, 67f). Größe hat also Grenzen.

Kohr (92f) schrieb schon als junger Wissenschaftler in den USA, „je größer die soziale Einheit ist, desto größer sind in der Regel die Produktionsunternehmen und Zusammenballungen wirtschaftlicher Macht, die aus den verschiedenen Fusionsprozessen hervorgegangen sind, und je größer die Unternehmungen und Zusammenballungen, desto größer muss die Macht und die Rolle des Staates sein. Je größer aber der Staat wird, desto kleiner muss der Bereich der Freiheit des einzelnen werden“, und weiter, „Größe hat nichts mit Qualität zu tun“.

In Dingen des täglichen Lebens nutzen wir aus Qualitätsgründen die Vorteile der Kleinheit. Gemüseladen, Kiosk und Bäcker um die Ecke, der schnelle Weg zum Arbeitsplatz, wohnen in der Hausgemeinschaft. Menschlichkeit, Überschaubarkeit, Individualität und Annehmlichkeit sind Qualitätsmerkmale, die der Größe fremd sind. Unsere globalisierte, sich an schierer Größe orientierende Welt mit ihrem Netz an Lieferketten (die Produktion eines iPhones verbindet 9 Produzenten in 7 Ländern -Ph. Staap „Falsche Versprechen“, S. 35), führt in unserem kapitalistischen System zu extremen Abhängigkeiten, sowohl bei uns (wie sich derzeit zeigt) vor allem aber in den Ländern des globalen Südens die unter unserem „globalen Imperialismus“ besonders leiden.

CORONA präsentiert sich sehr groß, ist weltweit unterwegs und beherrscht derzeit das Leben aller Menschen komplett. Wäre die schnelle weltweite Verbreitung ohne den globalisierten Weltmarkt überhaupt möglich gewesen? Gleichzeitig ist Corona winzig klein, praktisch unsichtbar, aber sehr groß in der Wirkung. Für Kohr und Schumacher wäre dies sicherlich eine Bestätigung ihrer Thesen gewesen. Kleines „Start up“, große Wirkung. Eine ähnliche Wirkung erzielte eine junge schwedische Schülerin Ende 2018 mit ihrem Schulstreik für eine bessere Zukunft.

Etwa zur gleichen Zeit, als Kohr und Schumacher ihre Überlegungen zum Problem der Größe anstellten, Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, schrieb eine Kölner Musikkapelle ein Lied über die Menschen und ihr Leben im Stadtteil als Zentrum ihrer kleinen, überschaubaren Welt. Die beiden Autoren des Buches mit dem menschlichen Maß, Leopold Kohr und E.F. Schumacher hätten sicherlich große Freude an dem Lied gehabt. Das Lied ist praktisch eine Hommage an das menschliche Maß, an „Small is beautiful“. Die Kölner Musikkapelle feiert gerade ihr 50 jähriges Bestehen, man nennt sie die „Mutter aller Kölschen Bands“ und ihr Lied ist bis heute immer dann, wenn es kleiner, sentimentaler und familiärer wird, der Hit zum mitsingen und sich in den Arm zu nehmen. Die Rede ist von den Bläck Fööss und ihrem Lied „In unserem Veedel“. Zu Zeiten von Corona sicherlich ein passender Song, da er den Zusammenhalt der Menschen in der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, nach der Familie, beschreibt -nur die Sache mit dem in den Arm nehmen und schunkeln ist im Moment schlecht. Nachbarschaftliche Verbundenheit, singen auf dem Balkon, einkaufen für Risikogruppen, all das, steht derzeit besonders groß auf der Agenda.

Nicht die großen Organisationen, nicht die großen Staaten oder globalisierten Lieferketten verbinden uns, es ist etwas winzig kleines, ein praktisch unsichtbares Ding, dem wir den Namen Covid-19 gegeben haben, was uns mental enger zusammenrücken lässt und uns aber körperlich auf Abstand hält. Es weist uns auf ganz kleine, einfache Zusammenhänge hin. Auf das, was wirklich wichtig ist, das „menschliche Maß“.

Leopold Kohrs zentrale Thesen lauten: „Wo immer etwas fehlerhaft ist, ist es zu groß“ und „das Kleine erhält sich“, wie diese schwedische Schülerin.

Wolfgang Schmidbauer schrieb in ZEIT Wissen 03-2020 zur Frage, was nach Corona sein könnte: „Wir könnten uns zurückbesinnen auf das wirklich Wichtige: saubere Luft, reines Wasser, wenig Müll, Langsamkeit, kleine, möglichst autonome Organisationen, die sich für Land und Menschen sorgen, statt auszubeuten und umzuleiten, wie es der Profit gebietet.“

Es geht um die elementaren Grundbedürfnisse des Menschen, wie wir derzeit im täglichen Leben weltweit lernen, für uns etwas ganz Neues, für den globalen Süden ist dies Alltag. Felwine Sarr, Ökonomieprofessor aus dem Senegal, beschreibt am 21.04.2020 in der Süddeutschen Zeitung, die Möglichkeiten einer veränderten Politik für den Kontinent Afrika: „Die Resilienzkonzepte, die hier und da auf dem Kontinent ersonnen werden, müssten Keimzellen werden für eine Politik, die auf die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtet ist, die Leben fördert und breite Fürsorge bietet. Am wichtigsten ist es, die Lebensmittelversorgung zu sichern, eine unabhängige Energieproduktion, die Schaffung kontinentaler Wertschöpfungsketten, eine ökologische Industrialisierung, bessere Vernetzung im internationalen Handel, die Beendigung unserer Spezialisierung, die Verarbeitung unserer Rohstoffe vor Ort sowie die Diversifizierung unserer Wirtschaft. In der Welt danach geht es darum, diese strukturellen Transformationen durchzuführen, die Wirtschaft als Teil ihres soziokulturellen Umfelds zu verstehen, in ihrer Symbiose mit dem Leben. Dafür sind kulturelle, soziale, politische Revolutionen notwendig, und daran müssen wir arbeiten“.

Eine Freundin, die vor etwa 50 Jahren in Köln geboren wurde und mit dem Lied vom Veedel aufwuchs, war mit ihrem Mann Anfang der 90er Jahre mehrfach über den kompletten Sommer als Bäuerin auf einer Schweizer Alpe. Heute sagt sie: „Es war die schönste Zeit meines Lebens“. Wenn Rücken und Knie mitspielen würden, würde sie nicht zögern, sich gerade jetzt noch einmal „die Rückkehr zum menschlichen Maß“ auf der Alpe zu gönnen. Auch sie hat, als arbeitslose selbstständige Künstlerin, wieder angefangen den Garten zu bearbeiten und genießt in diesen Tagen ebenfalls den ersten Salat.

Nichts kann der Kölner besser, als die kleinen Dinge des Lebens zu genießen, „Inn der Wirtschaff up der Eck, Beim Schwätzje zesamme sitze“ und sich dabei als der Größte zu fühlen. Wenn er sich so richtig große Projekte vornimmt, scheitert er fast immer grandios und gerät zumeist in einen Strudel aus Korruption und Inkompetenz. Den kleinen Bruder von Korruption nennt er liebevoll „Klüngeln“, er ist es, der das Leben in einer unübersichtlichen, zu großen Stadt „vielfach“ erträglich macht. Auf Leopold Kohr geht die Idee der „Dorferneuerung“ zurück, ein Konzept der kleineren Einheiten mit einem sozialen Wohnungsbau, einer Verkehrsberuhigung und der Erhaltung alter Bausubstanzen sowie der Verbesserung regionaler Strukturen. Kohr wäre wahrscheinlich in der Lage gewesen, aus Köln die liebenswerte Stadt zu machen, von der die unzähligen „kölschen Leeder“ tagtäglich künden und die es in der  Selbstverliebtheit der Kölner schon seit Urzeiten gibt, die Stadt mit dem menschlichen Maß. Wat bliev dann hück noch stonn? Die Hüßsche unn Jasse, Die Stündche beim Klaave, Iss dat vorbei?

Wir haben uns zumindest etwas bewahrt, was uns an Kohr erinnern sollte, den Föderalismus. Schumacher und Kohr zwingen uns immer wieder zu neuen Fragestellungen bei allen Projekten. Was wir von ihnen lernen können ist, global denken und in lokalen Beispielen umsetzen. Karoline Linnert, von 2007 bis 2019 Bürgermeisterin in Bremen, sagte in einem Film über Leopold Kohr, „er ist der Schutzheilige des Föderalismus“.

Leopold Kohr hat etwas eingeführt und vielfach, vor allem in der Karibik und in Wales ausprobiert, was er „Dorferneuerung“ nannte und was durch die Beteiligung aller Bürger an der Umgestaltung ihrer Stadt funktionierte, vielleicht war es so etwas, was wir heute „Öffnungsdiskussionsorgie“ nennen würden. Für ihn ging es immer, ob gegen den Größenwahn des Faschismus, den er aktiv bekämpfte oder um städtische oder staatliche Entwicklungskonzepte, um eine Verkleinerung, damit eine Beteiligung aller möglich bleibt, denn nur im Kleinen konnte er wirkliche Schönheit entdecken. „Small is beautiful“, damit Zeit bleibt für die „Stündche beim Klaave“.

Veröffentlicht von Georg Steinhausen

Nach über 40 Jahren Lehrerdasein, nach 30 Jahren Schulcircus Radelito, nach 15 Jahren Austauschprojekt SOMOS-Wir sind, mache ich mir jetzt so meine Gedanken .... und schreibe einiges davon auf

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