04 #digit-Ali

Georg Steinhausen 03. Mai 2020

gedanken-kolumne.de – Mein Blick auf das große Ganze.

04 #digit-Ali

„Früher funktionierte Zensur dadurch, dass der Informationsfluss blockiert wurde. Im 21. Jahrhundert bedeutet Zensur, die Menschen mit irrelevanten Informationen zu überschwemmen“ (Yuval Noah Harari, Homo Deus, 536)

In der neuesten Ausgabe der ZEIT (19-2020) wurde ein Interview mit dem gerade verstorbenen Politiker Norbert Blüm abgedruckt. Auf die Frage, wovor er Angst habe -außer vor dem Tod, antwortete Blüm: „Das meine Enkel in einer Welt leben, in der sie ihren eigenen Kopf nicht mehr für eigene Gedanken gebrauchen, sondern ein Algorithmus dies für sie übernehmen wird. Eine Welt glücklicher Idioten“.

Eigentlich war am letzten Dienstag mein selbstauferlegter „social-media-freier-Tag“, aber die Einrichtung des neuen Blogs im Internet, klappte nicht so richtig. ☹Also, rein ins www, Tutorien, Handbücher und Youtube-Erklär-Videos fressen meine Zeit und machen mich wahnsinnig. Wie gut, dass es Ali und einen weiteren guten Bekannten gibt, die das Chaos und meine eher unterdurchschnittlichen Kenntnisse in Sachen Social Media und den Besonderheiten des Umgangs mit dem Computer, mit ein paar einfachen Klicks und Hinweisen in ein funktionierendes System verwandeln. Ali hat nach seiner Flucht vor dem syrischen Krieg, vier Jahre in unserer Familie gewohnt. Viele analoge Schritte hinein in unsere Gesellschaft mit ihren bürokratischen Besonderheiten, haben wir gemeinsam getan. Jetzt studiert er Informationstechnik an der FH Aachen. Seine Genialität in Sachen Sprachverständnis und vor allem Informationstechnik lässt mich immer wieder staunend zurück. Er beherrscht all das, was die heutige Zeit benötigt, um die „industrielle Revolution 4.0“ durchzuführen, ich glaube er wird ganz schnell „systemrelevant“. Er entwickelt Apps und Lösungen für Firmen und verdient sich damit sein Studium. „Teil unserer westlich orientierten Welt“ ist er geworden, ohne seine arabischen Wurzeln und seinen Glauben zu verleugnen. Die digitale Welt, in der er sich jetzt bewegt hat mit meinem analogen Technikverständnis, als ehemaliger Mechaniker, nicht mehr viel zu tun, wir treffen und helfen uns stets bei der Lösung von alltäglichen kleinen, analogen oder digitalen Problemen. Gerade kam die Erfolgsmeldung, www.gedanken-kolumne.de ist im Netz und wird in den nächsten Tagen freigeschaltet 😊

Beim letzten Blog zum Thema 03 #größe hat mein analoger Kopf etwas vergessen -dem Computer wäre das natürlich nicht passiert. Ein ehemaliger-Kollege, der damals bei den grundsätzlichen Schul-Planungen mit dabei war, hat mich freundlicherweise daran erinnert. Die Willy-Brandt-Gesamtschule (WBGS), Mitte der 70er Jahre erdacht und erbaut, war, wie alle damaligen Gesamtschulen, als gigantische Lernfabrik eine Groß-Technologie um mehr und bessere Bildung für mehr Schüler*innen zu ermöglichen, geplant durch schiere Größe, für etwa 2500 Schüler*innen. Sie startete als Versuchsschule, ohne enge ministerielle Vorgaben. Jeder Jahrgang bestand zunächst aus 12 parallelen Klassen, also über 360 Schüler*innen pro Jahrgang. Schon damals entstand die Idee -aus praktischen Gründen heraus -eine Schule in der Schule zu gründen *irgendwie small is beautiful. Es nennt sich noch immer: TKM (Team-Kleingruppen-Modell). Ein Lehrer*innen Team, bestehend aus 8 – 10 Pädagogen unterrichtete 3 Klassen in fast allen Fächern, dh. jede/r Schüler hat es in dieser „Schule in der Schule“ mit maximal 8-10 LehrerInnen zu tun. Dass die „68er-Lehrergeneration“ auch den inhaltlichen Ideen (z.B. offiziellen Lehrmaterialien wie Büchern etc.) nicht so recht traute, war natürlich klar, alles wurde selbst erstellt, in großen Teilen handschriftlich, Projektarbeit gab es für jedes Thema und fast jedes Fach. Im Vergleich zu den heutigen Lehr- und Arbeitsmaterialien sahen diese Druckvorlagen damals furchtbar aus, schafften aber den Arbeitsplatz eines gelernten Druckers in der Schule, hinterließen bei Schülern und Lehrern schwarze Hände von der Druckerschwärze und in den Köpfen selbstgemachte Erkenntnisse. Den Geruch der Spiritusmatritzen haben ich noch heute in der Nase. Alle Materialien waren nach langen gemeinsamen Diskussionen handgemacht, analoger ging es kaum.

Heute, im digitalen Zeitalter ist das natürlich ganz anders: Vorlagen und Informationen aktuell aus dem weltweiten web, zusammengestellt, ansprechend aufgemacht, täglich aktuell und natürlich farblich gedruckt im feinsten Layout. Im Moment, zu Zeiten von Corona (und social distance) wird alles schnell per E-mail verschickt -obwohl, das ist auch schon wieder „old-style“. Der Videochat in der Gruppe, auf immer neuen Internet-Plattformen, beherrscht z. Zeit das „Home-Schooling-Office“, natürlich nur bei denen, die die technischen Möglichkeiten besitzen daran teilzunehmen. Die schöne neue Welt verdeutlicht selbstverständlich auch soziale Unterschiede. Bei der Wiedereröffnung der Schulen in den nächsten Tagen, soll es endlich losgehen, mit dem Digitalpakt in Deutschland. Unsere Schule, die WBGS, wird derzeit neugebaut und wird danach eine der ersten Schulen in Köln ohne Tafel und Kreide, ausgestattet in allen Klassenräumen mit interaktiven Whiteboards. Lernen 4.0 sein.

Nicht nur mich machen die neuesten Technologien abhängig von Experten, von einer Verbindung in das Internet, von dem Denken dort, was eigenen, klaren und eindeutigen Regeln folgt. Jeder falsche Klick kann verhängnisvolle Folgen haben, bis hin zum Systemabsturz und das kostet, Nerven und vor allem Zeit.

Die digitalen Medien sind der Zeitfresser No 1. Derzeit verbringen die Menschen in Deutschland schon im Durchschnitt fast 4 Stunden aktiv mit unserem Smartphone, niemand von uns kommt ohne aus. Wir haben es immer dabei, es zeigt uns den Weg, wir bezahlen damit, wir organisieren unser Konto, unsere Kontakte, wir fotografieren, wir erstellen Filme, wir schauen Serien, wir verfolgen alles mögliche, wir spielen und teilen all dies mit Freunden und der ganzen Welt. Unser Leben ohne Smartphone, Tablet oder Laptop ist nicht mehr vorstellbar. Darüber hinaus in unserer Konsumwelt: Es geht nicht mehr um „besser“, es geht einfach nur um „neuer“. Wir sind degradiert zu Konsumenten neuester technologischer Entwicklungen. Uns wird keine Chance eingeräumt, nicht mitzumachen, denn dann verlieren wir die Funktionsweise. Ohne regelmäßiges Update läuft nichts mehr -dann gehören wir nicht mehr dazu.

Früher stand das Update im Regal und hieß „der große Brockhaus“. Alles was es an wissenswerten Informationen gab war dort aufgeschrieben. Die 30 Bänder aus dem Jahre 2005 kann man im Netz für 4000€ (gebunden) erwerben, das gesammelte Wissen der Welt, wissenschaftlich fundiert, objektiv aufbereitet und in anschaulicher, lesefreundlicher und übersichtlicher Darstellung. Die 21. Auflage hat 24.500 Seiten, rund 300.000 Stichwörter und etwa 40.000 Bilder. Zwei Meter Regalplatz für ein Wissen, was heute niemand mehr benötigt, denn heute wird „gegoogelt“. Dieser Begriff wird dann in der neuesten Ausgabe des Brockhaus stehen, die es aber nur noch digital geben wird.

Die Digitalisierung erlaubt es, sich Filme in der Mediathek anzusehen. Genau das habe ich vor ein paar Tagen getan: Der norwegische Film iHuman (2019) von Tonje Hessen Schei wirft eindringlich den Blick in die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Der Datenforscher Michael Kosinski, beschreibt in dem Film, „dass der digitale Fußabdruck jedes Menschen für das Jahr 2012 mit durchschnittlich 500 MB ermittelt wurde. Wenn man all das ausdruckt, ergäbe der Papierstapel eine Höhe von 4 Mal zur Sonne und zurück. 2025 werden wir 62 GB Daten pro Person und Tag generieren“. In der Cloud und auf den Servern der Tech-Giganten heißt es mit einem breiten Strahlen: Herzlich Willkommen!!!

„Die Technologie der Konzerne ist überall. Die Datenbestände, mit denen sie arbeitet, werden mit immer Intimerem angereichert: Herzfrequenzen aus Fitness-Apps, Gesichtsfotos, Standortdaten aus Mobilgeräten“, schreibt Jannis Brühl in der SZ vom 1.2.2020 und weiter, „dass wir nicht mehr verstehen, was passiert. Die Rechenvorgänge der Software auf unseren Geräten sind nicht nur für mathematische Laien schwer nachzuvollziehen. Sie finden auch nicht mehr auf den Geräten in unseren Händen statt, sondern in der Cloud. Informationen schießen durch Glasfaserkabel, Rechenzentren und Serverräume der Konzerne befinden sich unter der Erde oder im skandinavischen Eis, wo die Kühlung weniger Strom verbraucht“.

Wir machen auf diesem Markt freiwillig mit, die Währung, sind unsere Daten und wir erhoffen uns Lösungen für alles: Die bisherige technologische Entwicklung seit dem Beginn der Industriellen Revolution vor ca. 250 Jahren, brachte uns die Segnungen des Fortschritts in Sachen Leben (Strom, Heizung ..), Arbeiten (Erfindungen von Maschinen und Erleichterungen in jeglicher Hinsicht), Gesundheit (Fortschritte in Medizin und Pharmazie in allen Bereichen, Smart-Uhr) Freizeit und Reisen (Auto, Eisenbahn, Flugzeug, E-Roller) mit all seinen Verführungen, natürlich nur für einen kleinen Teil der menschlichen Welt, in dem wir uns gottseidank befinden.

Ich stecke in dem Dilemma: Wie erkläre ich Ali, meine grundsätzliche negative Einschätzung „der schönen neuen Welt des Computerzeitalters“, um ihn dann im nächsten Satz zu fragen, ob er die Verlinkung meiner Blog-Seite mit Instagram mir erklärt und einrichtet, damit ich die Welt mit noch mehr „Informationen“ überschwemmen kann.

Norbert Blüm war ja bekannt für seinen Spruch: „Die Rente ist sicher“. Davon sind wir weit entfernt. Sicher scheint mir da eher die Aussage zu sein, dass wir auf „eine Welt voller glücklicher Idioten“ zusteuern.

Was ist los mit diesen Algorithmen, der Technologie und der künstlichen Intelligenz, auf die wir uns offensichtlich zubewegen?

Zeit für einen neuen Blog 😊

Veröffentlicht von Georg Steinhausen

Nach über 40 Jahren Lehrerdasein, nach 30 Jahren Schulcircus Radelito, nach 15 Jahren Austauschprojekt SOMOS-Wir sind, mache ich mir jetzt so meine Gedanken .... und schreibe einiges davon auf

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