Im Schatten des Dollar

Im Schatten des Dollar -die ersten Seiten

VORWORT

Die Welt scheint aus den Fugen geraten. Ideologien zerschmelzen zur Zeit in einer schwülen Aufbruchstimmung. Polen hat einen nicht kommunistischen Ministerpräsidenten, in Ungarn ist der Rote Stern überall abmontiert, das Wort Kommunismus aus der Verfassung gestrichen und in der DDR tritt in den letzten Wochen alles zurück, was in der Polit-Szene Rang und Namen hatte. Seit einigen Tagen ist die Mauer praktisch geöffnet, Millionen strömen in die BRD und nach West-Berlin. Westwärts heißt wieder einmal die Parole. Der Konsumrausch, als das höchste Ziel der Freiheit, lockt. Glaubt man den Medien, haben wir den ideologischen Kampf gewonnen. Das Wort „Imperialismus“ und vor allem seine praktische Bedeutung für die Länder der sog. Dritten Welt ist aus dem Blickfeld geraten. Das Abschmelzen der ideologischen Eis-Blöcke droht die Länder der sog. Dritten Welt im ansteigenden Schmelzwasser zu ertränken.

Eigentlich gäbe es da besseres zu tun als sich hinzusetzen und ein Buch über einen Teil einer Reise fertigzustellen. Aber was? Der Frust am Computer hat mich abgelenkt von der täglichen Unterhaltung über Trabbis, die Mauer und die konföderierte Wiedervereinigung. Nie wollte dieser „Beton -Computer“ das Buch herstellen wie ich es mir vorgestellt habe. Aber ohne ihn hätte ich es wohl nie geschafft. Sei es wie es sei. Es hat auf jeden Fall tierisch viel Spaß gemacht, dieses Buch zu schreiben. Wenn ein Funke von dieser Faszination Mittelamerika bei Dir als Leser ankommt, freue ich mich. Mein größter Dank geht an Christiane Klingenburg, ohne sie hätte ich dieses Buch sicherlich nie realisiert. Zudem mußte sie die Launen und Besonderheiten, die sich aus der Schriftstellerei ergeben, ertragen.

Dank gilt weiterhin meiner Schwester Margreth, die mich durch ihre beißende Kritik innerhalb von 2 Jahren zu insgesamt drei neuen Fassungen getrieben hat. Bei der endgültigen Realisierung zeichneten sich noch Bodo Marciniak (Umschlagentwurf und Zeichnungen zum ‚Wahren Märchen‘),sowie Marianne Lettow (Umbruch, Computer, Druck, Binden etc.) aus. Jürgen Poggemann hat sich um die Korrektur gekümmert.

Un abrazo fuerte y un beso grande

georg steinhausen, köln november 1989

EINFACH MAL WEG !

Beständig heiße Zeiten in Mittelamerika und wir haben eine Zeitlang mitgeschwitzt. „Zwei Jahre raus aus dem Trott, den täglichen kleinen Kämpfen, dem täglichen Frust. Neue Erfahrungen sammeln ungezwungen sein, keine Abhängigkeiten vom Alltag haben. Weg von den Fragen: Welche Versicherung gibt es für welchen möglichen Schadensfall? Wohnung auf dem Lande oder am Stadtrand? Wohngemeinschaft oder Hausgemeinschaft? Video oder Computer? Allradauto oder Campingm6bil? Neue Küche oder neues Bad? Weg von den Tagesaktivitäten, die wir nicht mehr im Griff haben, die uns auffressen. Weg von dem dauernd beschäftigt sein, Schule, Gewerkschaft, Frieden, gegen etwas, sich kümmern, nachfragen, Terminhetze. Distanz gewinnen zur Daueraktivität .. Weg von der Papierflut. Weg mit den Arbeits-, Informations-, Flugblättern, die, immer aufgehoben, weil man sie ja vielleicht doch mal braucht, jetzt 25 Umzugskartons füllen. Entrümpelung also, nicht nur der Wohnung, der Möbel, der Papiere, nein, auch und besonders des Kopfes. Zeit haben. Vielleicht zu dem Punkt kommen, wo die einzigen Entscheidungen zu Fragen gefordert werden wie: Was wollen wir essen? Was machen wir?

Wir haben uns also für ein auf zwei Jahre begrenztes Aufräumen entschieden. Aber wohin? Trauminsel, Bauernhaus in der Toskana, Kloster, Therapiegruppe? Hauptsache: Weg. Die einzige Frage, die uns beschäftigt: Werden die Freundschaften halten?

Ein Ziel ist trotz allem klar: Mittelamerika und genauer: Nicaragua. Sich für ein Jahr auf etwas ganz anderes einlassen. Beim Aufbau einer anderen Gesellschaft helfen, Träume realisieren, Kenntnisse einbringen, im Antriebsteil tätig sein, nicht nur Rädchen im Ge- triebe. Die offizielle Entwicklungspolitik ist uns zu eng. Eine zweijährige feste Bindung bedeutet wieder: Organisation, Papierberge, Abhängigkeit, fremdbestimmte Aktivität.

In Nicaragua werden sie sich freuen, wenn wohlgesinnte, hilfsbereite, tatendurstige, mit Kenntnissen und Fertigkeiten ausgestattete Menschen kommen, die anpacken und teilnehmen wollen am Aufbauprozess und dazu noch kostenlos. So dachten wir.

Die Probleme bei der Visabeschaffung hätten uns schon stutzig machen sollen, aber Ziel bleibt Ziel und so landeten wir nach vier Monaten Erholung in Neuseeland zunächst in Mexico um unsere dürftigen Kenntnisse der spanischen Sprache auf ein verständliches Niveau zu hieven. Drei Monate später, nach vergeblichem Warten auf ein Technikervisum für Nicaragua. kommen wir mit ungebrochenem Eifer in Managua an, vorerst ausgestattet mit einem normalen, 30 Tage gültigen Touristenvisum. Neun Monate bleiben wir schließlich in Nicaragua. Danach stehen Guatemala und nochmals Mexico auf der Reiseroute.

Das Buch beschreibt einige unserer Erlebnisse und vor allem unsere neuen Erfahrungen: mit Politik, vor allem mit einer anderen Politik als wir sie gewohnt sind. Neue Erfahrungen auch mit Be- griffen, deren Sinn wir glaubten zu kennen: Freiheit, Information, Demokratte. Ausbeutung, Abhängigkeit. Schließlich auch neue Erfahrungen mit uns selbst. Es geht um die Länder Nicaragua und Guatemala. Zwei Länder der gleichen Region, am gleichen Friedensprozeß beteiligt, mit einer ähnlichen Geschichte, aber doch mit erheblichen Unterschieden. Die Suche nach diesen Unterschieden führt zwangsläufig in die Geschichte des Kontinents Amerika. Die eigenen Erlebnisse und verschiedene Bücher, hier vor allem ‚Die offenen Adern Lateinamerikas, ‚führen auch näher an die Frage: Ist der Dollar nur ein Zahlungsmittel wie der Cordoba oder mehr eine Art „Welt-Lichtschutzfaktor“, der die regionalen Temperaturen feinfühlig steuern soll. Während wir in Nicaragua gearbeitet haben. waren wir in Guatemala nur als Touristen. Gerade diese verschiedenartige Form der Auseinandersetzung mit den bei den Ländern hat dazu geführt, mehr zu verstehen von der aktuellen Situation in Mittelamerika. Ohne unseren Besuch in Mexico und Guatemala hätten wir in und über Nicaragua nichts oder nur wenig gelernt, wären mit mehr ungeklärten Fragen 1988 in die Bundesrepublik zurückgekommen als wir 1986 bei der Abfahrt hatten.

NICARAGUA

Ankunft

Wir haben schlecht geschlafen. Hitze, Durst und das Gefühl von zwei Tagen Staub in jeder Hautfalte lassen uns früh aufwachen. Nach eineinhalb Stunden Flug sind wir gestern Abend auf dem Flughafen Auguste Cesar Sandino in Managua gelandet. Angekommen, um etwas von der Revolution kennenzulernen. angekommen, um zu helfen. 60 Dollar Zwangsumtausch, eine gründliche Gepäckabfertigung und diverse Einreiseformalitäten erschienen uns wenig revolutionär. Peitschende Schüsse und Stromausfall gaben uns Stunden später einen anderen Eindruck. Unsicherheit machte sich breit. Operieren die Contras jetzt schon in Managua? Was sollen wir tun? Vorsichtig schauten wir an der Tür. Weiterhin sahen wir Menschen auf der Straße und bei Kerzenlicht ruhig vor ihren Häusern sitzen. Dennoch: Die Rucksäcke blieben gepackt an der Tür stehen, für einen schnellen Abgang.

Auf unsere Frage nach Wasser zum Duschen oder Waschen hören wir zum ersten Mal: „No hay, vielleicht mañana (morgen)“. Zu alle dem kommt die schwüle Backofenhitze, die uns schon beim Verlassen des klimatisierten Flughafengebäudes empfangen hatte und uns in den nächsten neun Monaten begleiten soll. Allein der Gedanke an Bewegung ruft schon einen Schweißausbruch hervor.

So freuen wir uns heute Morgen zunächst auf ein kühles Duschbad. Aber auch heute scheint zu gelten: „Wasser, no hay“ (gibts nicht). Im Angesicht des etwas abgestandenen Wassers in der Regentonne vor der Hospedaje (Pension) fällt mir die „Ruut+wieß-: blau quergestriefte Frau“ von BAP ein:

„.. denk ich, da t ich unrasiert bin. Deo, loss mich nit em Stich,

denn sonst stink ich fürchterlich

un bei sanern Auftritt es dat janz schlimm.

Ich bin eine Musenbraut doch an meine Busen -Haut lass ich nur Wasser und CD ran.

Unn träume in der Traumstadt Schöner Wohnen vom großen Endsieg der Revolutionen

Als perfekt ausgereifte Show.

„Unsere nordamerikanische „Musenbraut“ vom Nachbarzimmer hat ihre CD-Seife offensichtlich nicht umsonst mitgenommen. In der Nacht um vier Uhr weckte sie uns mit einer halbstündigen Duschorgie. Unser Arger über die Schlafunterbrechung wird angesichts der trockenen Dusche jetzt gegen acht Uhr nicht gerade geringer. Verschwitzt und übermüdet machen wir uns also auf die Suche nach einem Frühstück.

Nicht nur die deutsche Kleinstadt besticht am Sonntagmorgen durch Totenstille. Unsere Hoffnung auf ein kleines Restaurant wird durch viele „arribas“ (nach oben), abajos (nach unten) und „alago“ (quer zu den ersten beiden) auf eine harte Probe gestellt. Schließlich landen wir im Hotel Intercontinental, tauchen in die vollklimatisierte Luft der genormten großen weiten Welt ein. Für umgerechnet acht Mark bietet das Sonntags-Buffet alles, was der durstende und hungrige Tourist, Internationalist, Krisenmanager und Pressevertreter benötigt.

Vor dem Hotel: Ein riesiger. leerer, kaum endender Platz, teilweise mit Bäumen bepflanzt und von Straßen durchzogen. Die Innenstadt von Managua. „Hier rechts liegt das Gebäude des Innenministeriums, dann weiter unten kommt das Hochhaus der ehemaligen ‚Bank of Amerika‘, die Regierungszentrale und dahinter die zerstörte Kathedrale. Gegenüber der Kathedrale die Post … , das sind fast die einzigen Gebäude, die das Erdbeben von 1972 überlebt haben und natürlich unser Hotel“, erklärt der Hotelangestellte einem Besucher, den er gerade auf die Schönheiten Managuas aufmerksam macht. „Aber, in den 15 Jahren hätte man doch einiges aufbauen können, schließlich gab es genug internationale Hilfe?“ entgegnet ihm der Besucher. „Nun ja“ wird ihm erläutert, „Hilfe gab es genug, aber die floss auf die Konten des ehemaligen Diktators Somoza oder kam ihm indirekt zugute. Unter anderem besaß er die einzige Fabrik, um Pflastersteine herzustellen und so hat er mit den vielen Hilfsgeldern die ganzen Straßen von Managua mit Pflastersteinen versehen. Mit einem winzigen Anteil der Hilfsgelder wurde u.a. der Stadtteil „Ciudad Sandino“ für die damals obdachlosen Arbeiter aus Managua gebaut. Eine gepflasterte Straße wurde über die alten Baumwollfelder gezogen sowie eine Elektrische und eine Wasserleitung installiert. Fertig war der neue Stadtteil. Den Rest haben sich die Men- sehen dann selbst gebaut“.

Das Stichwort „Ciudad Sandino“ setzt unsere Beine in Bewegung. Den Besuch der scheinbar nicht vorhandenen Innenstadt Managuas heben wir uns für später auf. „Los Alemanes, donde fue El Gato (die Deutschen, wo früher EL Gato wohnte)“ heißt unser Tagesziel in Ciudad Sandino.

Erster Kontakt.

Irgendwie müssen wir wohl Glück gehabt haben. Der Bus war nicht so voll und bereits nach zwei Stunden Suche in der Mittagshitze, verbunden mit viel Fragerei, sitzen wir nun bei Don Martin unter seinem Zitronenbaum. Hinter uns haben wir wieder reichlich „arribas, abajos, ratlose Gesichter und unverständliche Erklärungen“. Das „Nica-Spanisch“ hat wohl nicht so viel zu tun mit unserem Spanisch aus dem Kölner Bildungswerk oder auch der mexicanischen Variante. Wir werden offenbar verstanden, aber umgekehrt? So haben wir denn die einzige, durch Somozas Pflastersteine befestigte Straße vom Ortseingang über die Plaza bis zum Mercado in Ciudad Sandino bereits durchwandert. Don Martin erklärt uns, daß die Straßen hier keine Namen haben, sondern die Lage der Häuser umständlich beschrieben wird: „dos cuadras arriba, tres abajo, una y media a lado, a sur, donde fue“.

Hauptsache, wir sind angekommen.

Endlich das langersehnte Duschbad und anschließend ein Glas Zitronenwasser in den Händen (Zitrone plus kaltes Wasser plus Zucker) lassen Zufriedenheit aufkommen. In diesem Unbekannten ist es gut, einen Platz zu haben, der Geborgenheit vermittelt, nicht nur vor der Hitze.

Mit Martin stehen wir schon seit längerem in Briefkontakt bezüglich unserer Arbeitsmöglichkeiten und der Technikervisa. Bis zum heutigen Tag waren wir für ihn immer so etwas wie Exoten: Weltreisende, von Neuseeland über Mexico kommend. Lehrer auf der Suche nach Arbeit. So kommen wir uns denn näher. Wir erfahren von den Problemen bei der Beschaffung der Visa, von den Zuständigkeiten, dem Papierkram, den Nichtzuständigkeiten. Gerd und Holger vom DGB Arbeitskreis in Starkenburg sind derzeit hier und arbeiten im Projekt der Bus-Cooperative UNITARIOS. Da sie in ein paar Tagen in die BRD zurückfliegen, könnten wir ihre Arbeit weiterführen. Beide machen jedoch einen ziemlich frustrierten Eindruck. Von dem, was sie sich vorgenommen haben, haben sie praktisch nichts erreicht. Probleme bleiben unser Tagesgespräch.

Martin wohnt wie die meisten Nicas hier: Das Haus besteht aus einem Zimmer mit Küche. Die Wände sind bis zu einer Höhe von etwa einem Meter aus Stein errichtet. darüber, bis zum Wellblechdach, aus Holzbrettern. Plumsklo und Dusche 1m Garten. In der offenen Küche ein ebenso offenes Holzfeuer und freier Zutritt für alles, was da kreucht und fleucht. Nebenan die Scheune mit der kleinen Bodega (Lager), ebenso aufgebaut wie das Haus. Einziger Unterschied zu den meisten anderen Familien: Der elektrische Kühlschrank.

Was am Ende dieses ersten Tages bleibt: Viele Fragen sind offen, nur eine beantwortet: In Hessen wurde heute, am 5.4.1987 gewählt. Die Deutsche Welle berichtet von Wallmanns CDU-Sieg. Projekte, die hier in Ciudad Sandino durch Hessenknete unterstützt werden, er- halten einen neuen Schatten. Da viele Gelder noch nicht ausgezahlt wurden, steht zu befürchten, daß die neue Regierung die Auszahlung storniert.

Einziger Lichtblick für heute: wir können in die Scheune einziehen, wenn Gerd und Holger abreisen. Ciudad Sandino (C.S.) hat gegenüber Managua den Vorteil, nicht von mehrtägigen Wasserabsperrungen pro Woche betroffen zu sein. Und Wasser erscheint uns derzeit als das Wichtigste überhaupt.

Interesse daran, das ganze Buch zu lesen?

Schick mir einfach eine E-Mail an georg.steinhausen@netcologne.de

Du bekommst das Buch dann als pdf zu ausdrucken

Veröffentlicht von Georg Steinhausen

Nach über 40 Jahren Lehrerdasein, nach 30 Jahren Schulcircus Radelito, nach 15 Jahren Austauschprojekt SOMOS-Wir sind, mache ich mir jetzt so meine Gedanken .... und schreibe einiges davon auf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: