Von Köln zu Fuß ins Sauerland

Georg Steinhausen

Die Wanderung ins Sauerland 2016

„Bist du wahnsinnig, da bist du ja Wochen unterwegs?“, so die Reaktion meiner Kollegin Grete (aus dem Sauerland stammend) als sie von meinem Vorhaben ins Sauerland zu wandern, erfuhr.

Trotz dieser „starken“ Bedenken, habe ich es gemacht. Ich bin als erste größere Aktion im Pensionärsdasein von Köln ins Sauerland gewandert. Hier ein kurzer Blick auf diese Reise.

Mit Wanderkarten, ca. 10 kg Gepäck auf dem Rücken (incl. eines Laptops, weil es ja immer noch was zu erledigen gibt, in Sachen Circus, Somos oder irgendetwas anderem „wichtigem“) und einem guten Frühstück im Magen ging es am Tag der Deutschen Einheit los, nicht direkt am Haus, aber in der Nähe. Anhand der Karten hatte ich mir Tagestouren ausgedacht und schon die Übernachtungen vorgebucht. Rückzieher ausgeschlossen.

Tag 1: Montag 3. Oktober: Christiane fährt mich mit dem Auto zum Startplatz im Königsforst. Auf der Karte gab es diesen wunderbaren Wanderweg X22, den Kurkölner Weg von Meschede nach Köln (oder umgekehrt). Das musste es natürlich sein für einen Sauerländer.

Im Heiligen römischen Reich bestimmten die Kurfürsten, wer deutscher König und damit zugleich Anwärter auf die Kaiserkrone war. Bis ins 17. Jahrhundert gab es sieben, später bis zu zehn Kurfürsten. Immer dabei: Der Kurfürst von Köln, zugleich Reichsersatzkanzler für Italien und Erzbischof. Das Kölner Kurfürstentum umfasste Gebiete links des Rheins (zwischen Andernach und Rheinberg), Ländereien rund um Recklinghausen im Ruhrgebiet und das Herzogtum Westfalen, das sich im Kern südlich von Arnsberg im Sauerland erstreckte. -http://www.ich-geh-wandern.de/kurk%C3%B6lner-weg-x-22)

Bei bedecktem Wetter gehe ich zügig durch den Königsforst, immer geradeaus bis Forsbach, wo ich den ersten kleinen Fehler begehe, indem ich den X22 verlasse um eine Abkürzung zu nehmen. Kurz vor dem Friedhof von Forsbach frage ich dann eine junge Dame mit Hund nach dem Weg. Sie hält meine zusammengefaltete Wanderkarte offensichtlich für ein Smartphone und  zuckt kurz mit dem Finger, um darauf zu „wischen“. Ich spüre, sie hat keine Ahnung von einer Karte. So finde ich nach einem kleinen Umweg den Weg in Richtung Hoffnungsthal, wo mich fast alle Hoffnung verlässt, denn mein X22 Kurkölner Weg ist nirgends zu finden. Hoffnungslose Suche. Durch Gestrüpp, steil den Berg hoch über den „Bauernhofweg“ und den „Bergischen Weg“, geht es über Agger schließlich wieder in die richtige Richtung, alles bei strömendem Regen. Die Mittagspause zusammengekauert und ohne Nickerchen in einer offenen Bushaltestelle in einem Dorf ohne Namen. Stimmung bei mir sehr bedeckt, da ich mittlerweile auch den Großteil des Weges auf Asphalt zurückgelegt habe. Abgelegt im Ordner „eigene Blödheit“, das hilft mir bei der Motivation, weiter zu laufen denn ich kann niemanden verantwortlich machen. Offensichtlich ist es auch meinem „Alter“ geschuldet, dass ich mein Handy zu Hause vergessen habe. Find mal unterwegs jemanden / eine Kneipe / .. mit einem normalen Telefon, nur um Christiane anzurufen, wg. des Handys? In Lohmar, beim Übergang über die Agger gibt es dann endlich ein „geöffnetes“ Lokal. Man lässt mich nur auf die Terrasse, weil ich „klatschnass“ bin. Nach einer Suppe gewährt man mir an der Hotelrezeption ein Telefongespräch mit Christiane. Durch Feld, Wald und Wiesen geht es dann zunehmend trockener bis hinter Falkemich zur Fischermühle, meiner ersten Station. Netto bin ich sieben Stunden unterwegs und die linke „Hinterhand“ schmerzt von der Hüfte bis zum Knie. Nach zwei Früh-Kölsch, Schweinefilet und einer Spezialsalbe aus der Eifel (auf der letzten Wanderung erworben) wird meine Stimmung schlagartig besser. Ab jetzt kann es nur aufwärts gehen, jetzt wieder mit Handy.

Tag 2: Dienstag 4. Oktober: Nachdem ich gestern aus drei Alternativen (Karte – jemanden Fragen – auf Bauchgefühl hören) stets die  falsche gewählt habe, entscheide ich mich heute rigoros X22 zu folgen. Eine gute Entscheidung. Meine nächste Station, der Birrenbacher Hof in Nümbrecht im Birrenbachtal. Um nicht wieder unnötig umherzuirren will ich sicherheitshalbe per Handy nachfragen, wo denn genau der Birrenbacher Hof liegt, denn die Karte zeigt auf 4 km² viele Möglichkeiten. Internet und Netz sind ja heute völlig normal, nur nicht wenn du unterwegs bist. Im Bergischen gibt es praktisch kein Netz -zumindest nicht das, was du hast und ich  habe das  angeblich „beste Netz“. Erst Tage später merke ich, dass ich immer ganz oben auf der Höhe mal Netz und Internet habe. Ich entschließe mich an einem Privathaus zu klingeln, eine nette Frau in einem superaufgeräumten, von einem Innenarchitekten entworfenen Musterhaus öffnet mir, kein Hund in Sicht.  Nach einem 10-minütigen Gespräch erfahre ich in etwa die Lage des Hotels, ävver genau ist das auch nicht. Fazit: plus 2 km Asphalt. Nach ca. 6 ½ Stunden und geschätzt an die 30 km erwartet mich ein übergroßes Wiener-Schnitzel und das erste Krombacher Pils. Stelle fest: Es ist eine Wanderung durch das „Schnitzel-Land“. Überall sind gerade „Schnitzel-Wochen“ –das wäre was für Christiane. Das Wetter ist heute fantastisch. Strahlend blauer Himmel und ich kann erstmals ein gepflegtes Nickerchen auf einer Bank machen. Nach 3 ½ Stunden bringt das die verbrauchte Energie sofort zurück. Mittlerweile habe ich „schmerzhaft“ gelernt die Karte „richtig“ zu lesen und einige Zeichen zu verstehen. Anstrengend bleibt, nach jeweils 200 m immer wieder auf die Karte schauen zu müssen, um zu überprüfen, ob es noch der richtige Weg ist. Alles ist hier penibel sauber oder wird vom Hausbesitzer sofort mit dem Hochdruckreiniger „klar“ gemacht. Je länger ich laufe, desto mehr muss ich an den Spruch von Amir Baitar aus dem Buch „Unter einem Dach“ (Amir Baitar, Henning Sußebach –Rowohlt) denken, wo er sinngemäß sagt: „In Deutschland steht vor jedem Haus eine Bank, aber niemand sitzt darauf“. Stimmt! Bisher ist mir noch niemand wirklich begegnet, außer mit Hund. In den Orten hört man höchstens mal eine Kreissäge, wenn das Holz für den Winter zugeschnitten wird. Neben fröhlichen SeminarteilnehmerInnen und Bauhandwerkern schlafe ich „Netzlos“ im Birrenbacher Hof.

Tag 3: Mittwoch 5. Oktober: Wie immer beginnt die Wanderung um 9.00 Uhr, wie immer mit Schmerzen in den Knöcheln, wie immer mit der schmerzlindernden Salbe aus der Eifel (ich weiß nicht, was da drin ist, aber es wirkt) wie auch gestern mit einem strahlenden Himmel. Es ist ja nicht so, als wenn es wie auf der Autobahn geradeaus geht. Das Bergische- und auch das Sauerland zeichnen sich durch vielfältige, zum Teil kleine und bösartige Steigungen aus um danach sofort wieder ins Tal abzufallen. Ab und zu fragt man sich schon: „Musste das jetzt sein“? Die traumhafte Landschaft und die ständige Suche nach dem Weg lassen die Gedanken an die diversen Schmerzzonen vergessen. Langsam beginne ich mit meinen Kopfgeschichten zu allen möglichen Themen (natürlich auch Circus). Und Zack, schon wieder ein Schild übersehen und 500m zu weit gelaufen, Die kleinen Sünden bestraft der liebe Gott sofort. Ich überquere die A4, auf der ich gefühlt 150-mal ins Sauerland und zurück gefahren bin. Ein eigenartiges Gefühl. Kurzfristiger lärm der Autobahn und 10 Minuten später wieder absolute Ruhe. Ich komme nach Sinspert. Niemand auf der Straße und hoffe, laut Karte,  auf einen geöffneten Gasthof. Ävver, Öffnungszeit ab 17 Uhr. Dann halt wieder ein Nickerchen gegenüber auf der zu kurzen Bank in der Bushaltestelle. Hier lockt das Werbeschild des örtlichen Pflegedienstes noch mit dem Slogan „Zur schönen Aussicht“, da denkt jemand wohl die guten Einnahmen in den nächsten Jahrzehnten angesichts der Alterspyramide. Ich muss laut lachen und habe Angst, die Ruhe des Ortes zu stören. Locker und leicht geht es danach bei insgesamt 5 Std. Netto Wanderung nach Eckenhagen in das Landgasthaus Spichertal. Vom Ambiente werden Erinnerungen an die 60er Jahre im Sauerland geweckt. Bad, Zimmer .. alles wie früher zu Hause, auch die Preise. Zum letzten Mal leckeres Reissdorf, Knödel, Rotkohl, einen Rollbraten und Nachtisch incl. Riesenfrühstück und Übernachtung für etwas über 40,- Euro. Ich bin der einzige Gast. Alle anderen Übernachtungen unterwegs (bis auf das Heu) kosten etwa doppelt so viel und sind alle komplett  ausgebucht. Deutschland ist offensichtlich kein armes Land. Das WLAN teile ich mir mit einem polnischen Montagearbeiter im Frühstücksraum auf 5 m². Ihn stört es überhaupt nicht, dass ich esse, während er überlaut Nachrichten aus Polen hört, es hört sich zumindest wie Nachrichten an.

Tag 4: Donnerstag 6. Oktober: Kein WLAN, kein Netz, keine Kartenbezahlung möglich. Also mit dem Opa in das Zentrum zur Volksbank, Bargeld holen. Wir kommen ins Gespräch und er berichtet von den großen Touristenzeiten in den 70er/80er Jahren. Es hört sich nach Sauerland an. Als wir an der großen Reha Klinik vorbeikommen, frage ich ihn, ob die Klinik spezielle Therapien anbiete. Er sagt darauf mit einem etwas verschmitzten Lächeln: „Ja, für Leute mit viel Geld und keinen Nerven“. Mit 30 Minuten Verspätung geht es los in Richtung Olpe. Es liegen nur etwa 20 km vor mir, netto benötige ich 4 ½ Stunden. X22 habe ich schon gestern verlassen (zu weit südlich) und so pirsche ich mich über X12, den Richard-Schirmann-Weg (wer immer das auch war) bei bedecktem Himmel in Richtung Olpe. Da  mein eigentlich anvisiertes Hotel in  Rehringhausen belegt ist muss ich im Nobelhotel am Platz „Kochs Hotel“ absteigen, das wird locker dreimal so teuer wie im Spichertal. Heute unterquere ich die A45 und bin damit endgültig im Land von Krombacher und Veltins angekommen. Kölsch findet sich hier nirgendwo mehr. Auch heute mache ich mal kurz 2km mehr, da ich vor lauter „Kopfkino“ mal wieder einen Abzweig übersehen habe. Olpe als Kreisstadt bietet sich natürlich auch für Kultur an, also rein ins Kino in den Film „Junges Licht“. Ein großartiger Ruhrpott Film über die 60er Jahre, andere Szenerie als im Sauerland, aber ich hatte ähnliche Erlebnisse damals. Mein rechter Knöchel ist dick und ich humpele durch die windige, kalte Stadt, in der alle schon die Winterklamotten angezogen haben. Ein Glühwein wäre jetzt schon angesagt. In Kochs Hotel schläft man nicht nur teuer, auch das Essen passt dazu, ävver lecker ist es.

Tag 5: Freitag 7. Oktober: Pünktlich um 9.00 Uhr verlasse ich das Hotel, nicht ohne mich zuvor vom Chef in Sachen Wanderweg beraten zu lassen, da er keinen Hund hat, vertraue ich ihm. Sein Vorschlag führt mich nach 10km an seinen Fischteichen vorbei, eine gute Wahl. Es wird er längste Wandertag, mit 37km, die ich im Stakkato-Schritt durchziehe und um 16 Uhr abbreche. Der Knöchel bekommt Salbe und nach ½ Stunde bergauf sind die Schmerzen wieder vergessen. Ich pendele zwischen dem  „Siegerland-Höhenring“ und dem „Kirchhundemer Rundweg“. Bei bedecktem Himmel –immer droht es zu regnen- geht es bergauf und bergab: Mitten im Wald läuten an einem kleinen Flußlauf die Glocken. Ein winziges Glockenspiel unterbricht die Ruhe. Etwas weiter erneut 2km Umweg. Waldarbeiter haben ein Stück Wald abgesägt und die Hinweisschilder gleich mit. Mein Bauchgefühl schlägt den falschen Weg vor. Umkehr nach 1km. Nein ich möchte nicht schon wieder bergauf um nach 3km wieder in das nächste Dorf zu müssen. Bei einem Steilanstieg in einem kleinen Dorf stehen zwei Männer an ihrem Auto, ich grüße und sie schauen mich an. Sagt der eine zum anderen als er mich mit Stöcken und Rucksack sieht:  „Ist heute was besonderes?“ „Vielleicht Wandertag“, meint der andere.

Höhe- und Endpunkt der Wanderung. Ich komme kurz vor Brachthausen an, muss aber, um halbwegs zeitig in Heinsberg im Gasthof Schirmer zu sein, oberhalb des Ortes den Zugangsweg zum Rothaarsteig nehmen und es ist nach 15 Uhr. Eine Frau mit Hund (!) bietet mir an, mich auf den direkten Weg zu führen. Nach dem Anstieg zum Gipfel „übergibt“ mich an eine andere Frau mit Hund, die auch weiß, wo es hingehen soll. Nach insgesamt 7km stehe ich wieder, diesmal kurz hinter Brachthausen, vor einer Pommes Bude und es beginnt zu regnen. Ich beschließe auf diesen Schreck ein Pils zu trinken. Die beiden netten Töchter der Wirtin lockern meine Stimmung auf und auch die Information, dass ein Taxi kein Problem sei. Nach einem weiteren Pils und einer Portion Currywurst mit Pommes fahre ich um fast 17.30 Uhr mit dem Taxi nach Heinsberg zum Gasthof ich stelle fest, dass dieser Weg zu Fuß über die Straße meinen Knöchel komplett ruiniert hätte. Das Bauchgefühl war absolut richtig. Angekommen im Gasthaus, mache ich es mir im ehemaligen Schweinestall (jetzt Heu-Lager) gemütlich. Genau das und natürlich das leckere Spanferkel habe ich mir nach diesem Tag verdient. Stroh, eine Matratze, ein Kopfkissen und eine wärmende Decke. Licht aus und Gute Nacht.

Tag 6: Samstag 8. Oktober: Nach der erholsamen Nacht  lacht auch wieder die Sonne. Neben dem Schweinestall entdecke ich das Standesamt, das nenne ich gut arrangiert, Dorfleben halt. Heute liegen 27km vor mir und am Ende wartet die letzte Übernachtung in Latrop in der Nähe von Schmallenberg. Es geht steil den Berg hinauf (200 Höhenmeter). Dann betrete ich den Rothaarsteig. Nach 50m komme ich mir vor wie am Autobahnkreuz Köln-Ost. In den letzten 5 Tagen ist mir nicht ein einziger Wanderer begegnet, nur Damen mit Hund. Ich habe in jedem Ort die Gummistopfen auf die Endspitzen meiner Walking-Stöcke gesteckt um die Einwohne nicht aufzuwecken und jetzt plötzlich tauchen unzählige Wandergruppen auf. Alle kommen mir entgegen, weil es in Richtung Dillenburg auf dem Rothaarsteig bergab geht. Ab diesem Moment ist die Wanderung völlig anders. Ich benötige keine Karte mehr, ich kann mich völlig auf die Schönheiten der Natur konzentrieren, muss lediglich aufpassen immer schön rechts zu bleiben, wg. der Radfahrer (Mountainbiker). Es ist praktisch wie auf der A3 in Richtung Frankfurt. Du fährst auf und es geht auf breitem Weg immer geradeaus, es gibt nette Parkplätze und wenn du schön rechts bleibst, passiert dir auch nichts, denn die Radfahrer tauchen geräuschlos aus dem Nichts auf und zischen vorbei. Es geht ab jetzt kontinuierlich bergauf, nur am Schluss in Latrop geht es wieder steil auf 400 m Höhe hinunter in ein enges, feuchtes kleines Tal mit nur einem Ein- und Ausgang  für Autos. Alles ist hier sieht perfekt aus, jedes Haus wie aus dem Katalog, abwechselnd Weiden, Pferde, Kirche, Hühner, Gasthaus, Park .. und ich frage mich: Warum um alles in der Welt kommen hier Touristen hin und bleiben offensichtlich? Kurz nach 16 Uhr muss man wegen der Enge des Tales praktisch das Licht anmachen. Eine zugezogene Einwohnerin klärt mich auf: Es ist die Dorfgemeinschaft, also irgendwie der Teamgeist der das möglich macht. 170 Einwohner, aber über 300 Gästebetten und fast immer voll. Schönstes Dorf Deutschlands. 3 große Gasthöfe jeweils mit Hotel bei 170 Einwohnern. In meinem Heimatdorf Elkeringhausen gibt es bei 500 Einwohnern keine Kneipe mehr. Irgendwann sind die „falsch abgebogen“. In der „Hubertushöhe“ gibt es natürlich Wild auf der Karte, aber mein beginnender „Magen-Darm“ rät zu einer kleinen Speise, nutzt aber nicht viel. Beim Toilettenwasserverbrauch liege ich in dieser Nacht im Gasthaus klar an erster Stelle.

Tag 7: Sonntag 9. Oktober: Es wird ein guter Tag. Schon in der Tagespost der Hubertushöhe, die auf dem Frühstückstisch liegt, heißt es: Besondere Ereignisse:

 „Am 9. Oktober 1967 wurde Ernesto „Che“ Guevara erschossen. Der Weggefährte Fidel Castros, der die kubanische Revolution auf dem Festland voranzutreiben versuchte, wurde zum Idol politisch, protestierender Studenten in Nordamerika und Europa“.

So ändern sich die Zeiten auch im Sauerland. Als ich zu Beginn der 80ziger Jahre ein Plakat gegen die Nachrüstung in Elkeringhausen aufgehangen habe, kam es zu üblen Beschimpfungen (ich sei Kommunist) und fast zu meiner ersten richtigen Schlägerei, mit ehemaligen Klassenkameraden. Jetzt ziert die Erinnerung des Todestag eine Revolutionärs schon die Tageskarte in der eher konservativ ausgerichteten Hubertushöhe.

Mit einem kritischen Magen-Darm-Gefühl, nur nicht unnötig „Luft“ ablassen, mache ich mich auf den letzten Teil der Wanderung, von Latrop nach Elkeringhausen. Bei strahlendem Sonnenschein. Wie nicht anders zu erwarten geht es zunächst 6km bergauf bis nach Schanze und von dort weiter bis zum Albrechtsplatz. Dort habe ich mich, per WhatsApp -zwischendurch gab es mal Empfang- um 12.00 Uhr mit meinem Neffen Jens und seine Frau Nina verabredet. Punktgenau treffen wir uns und wandern von dort aus die letzten 17, der insgesamt 27 km gemeinsam nach Elkeringhausen auf Wegen, die ich vorher noch nie gegangen bin. Am Kahlen Asten kann ich dann endlich einen Teil meiner Magen-Darm-Beschwerden los werden. Die 50 Cent Toilettengeld lohnen sich wirklich mal. Am Winterberger Bahnhof stoßen dann noch Jens Tochter Lea und mein Bruder Mike zu uns. Schwägerin Ingrid wartet schon mit Kaffee, Waffeln, Sahne und heißen Kirschen. Auch Christiane kommt pünktlich  mit dem Auto aus Köln an und so steht dem gelungenen Ende der Wanderung nichts mehr im Wege. Auch der Magen-Darm-Bereich hat sich soweit wieder beruhigt, dass die Waffeln ein wahrer Genuss sind.

Fazit:

Ich war selber von mir überrascht, wie gut ich die Wanderung durchgestanden habe. Da ich niemanden dabei hatte, den ich hätte beschimpfen können (zu steil, zu lang, zu viel Regen, zu viel Asphalt, zu viele Kilometer ..) habe ich alles mit einem gewissen Gleichmut „ertragen“, denn an allem war ich selber Schuld. Nach zwei Tagen hatte ich in etwa die Struktur der Wanderkarten verstanden und mich halbwegs auf die Kennzeichnung eingestellt. Eigentlich war es mir dann auch egal, ob ich gerade den „richtigen“  Weg eingeschlagen hatte, Hauptsache die Richtung war in Ordnung. Wichtig: Frage niemals, wirklich niemals Damen mit Hund nach dem Weg, sie kennen offensichtlich nur ihren täglichen Rundgang.

Sehr selten gab es die typische Landluft, wie ich sie von früher her kenne. Bauernhöfe und Wiesen waren eher selten. Pferdehöfe häufiger, auch ein Kennzeichen von Reichtum, ebenso wie die Tatsache, dass vor jedem Haus unzählige Autos stehen, wie will man sonst irgendwohin kommen. Die Garagen sind vielfach größer als normale Häuser z.B. in Nicaragua. Bis auf wenige Ausnahmen ist alles darauf bedacht, sauber und ordentlich zu sein.

Zwischendurch habe ich oft daran gedacht, wie es wohl wäre, wenn jetzt Ali an meiner Stelle durch die kleinen Orte ziehen würde? Ali bewundert einerseits meine Idee der Wanderung, sieht aber andererseits keinerlei Notwendigkeit, wo es doch viel schneller mit dem Auto gehen würde. In dem Punkt ist er auch irgendwie „Sauerländer“. Unser Luxusproblem „mal runterkommen durch wandern“ hat halt für viele Menschen eine andere Bedeutung. Den hochtechnisierten  Stressabbau durch Hochleistungsmaschinen, kann man unterwegs auch gut beobachten, wenn die gestressten Manager auf ihren sündhaft teuren Bikes durch den Wald jagen. Erholung muss halt durchorganisiert sein und dementsprechend kosten.

Im Kopf liefen viele Geschichten ab, das ist das Schöne an einer solchen Wanderung. Außerhalb des Rothaarsteigs ist dies natürlich gefährlich wg. der dauernd wechselnden Hinweisschilder. Jede kleine Veränderung bringt einen neuen Gedanken oder erinnert an alte Zeiten. Während früher bei uns die Straßen voller Kuhmist waren, der bei Regen schon irgendwann weggespült wurde, geht heute ein Azubi mit Schaufel und Besen hinterher um dem Mist sofort zu entfernen. Alles soll Bio sein, aber bitte sauber.

Welche Bedeutung das Marketing heute hat, kann man bei einer solchen Wanderung sehr gut beobachten. Es gibt wunderschöne Ecken, wo niemand ist, da kein Marketing. Dann gibt es den Rothaarsteig, der –auch schön- aber überlaufen ist. Man fühlt sich wie auf der Autobahn, nix kann schief laufen.

Wer mal einige Tage ohne WLAN und Internet auskommen möchte, dem ist eine solche Wanderung ins „Gebirge“ dringend zu empfehlen. Nur mit Anstrengung, also hoch oben auf dem Berg, hast du Empfang, im Tal beim Bier nicht. Zum Schluss: Liebe Grete, ich kann dich beruhigen, die Wanderung ins Sauerland dauerte nur eine Woche, obwohl die Entfernung deutlich länger ist als mit dem Auto. Mit dem Auto 140 km, zu Fuß fast 200 km, aber es lohnt sich und ich würde es jederzeit wiedermachen, diesmal allerdings mit Christiane, wg. der langen Nächte ohne WLAN.

Veröffentlicht von Georg Steinhausen

Nach über 40 Jahren Lehrerdasein, nach 30 Jahren Schulcircus Radelito, nach 15 Jahren Austauschprojekt SOMOS-Wir sind, mache ich mir jetzt so meine Gedanken .... und schreibe einiges davon auf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: