06 #Öko-Wachstum

Georg Steinhausen 18. Mai 2020

gedanken-kolumne.de – Mein Blick auf das große Ganze.

06 #Öko-Wachstum

Die letzte Kolumne hörte mit der Frage auf: Werden wir glückliche Idioten oder domestizierte Tiere sein?

Diese Frage bezieht sich im Prinzip auf die technologische Entwicklung, hat aber in der vergangenen Woche an Bedeutung stark zugenommen. Kaum sind die strikten Regeln des Lockdown „gelockert“ und es geht wieder „demokratischer“ zu im Leben, wird in vielen Städten auf die Demokratie eingeschlagen und es wird zum Widerstand aufgerufen. Ängste werden zum Teil gezielt geschürt: An den Wochenenden gibt es diese eigenartigen gemeinsamen Demonstrationen von Verschwörungstheoretikern, Linken, Familien, Esoterikern, Impfgegnern, Kapitalismuskritikern, Hipstern, Rentnern, Reichsbürgern, Antisemiten, eine bunte Mischung von Menschen zu der sich rechte Gruppierungen gesellen, die angesichts ihrer parlamentarischen Schwäche auf der Straße auf Stimmenfang gehen. Gegen „Pflichtimpfungen“, gegen Mundschutz, gegen „Einschränkungen“, gegen alles was die Politik oder „die da oben“ entscheiden. Ist dieser Protest nachhaltig oder verschwindet er, wenn alle erst wieder in Urlaub fahren, ihre Kinder in der KiTa abgeben und sich ungehindert in Kneipe oder Restaurant besaufen können?  Auf jeden Fall hat die Bundesliga wieder begonnen, wenn auch mit Geisterspielen, also ohne Zuschauer, das hält zumindest am Samstag- und Sonntagnachmittag viele zu Hause vor dem Fernseher. Der aufkommende Streit / Widerstand auf der Straße dreht sich um die täglichen kleinen Ängste und Einschränkungen, um die kleine Freiheit. Demonstrationen gegen den Klimawandel (#NetzstreikfürsKlima) fanden 3 Wochen vorher noch im Internet als digitale Demonstration statt. Wie schnell sich die Problemlagen im allgemeinen Bewusstsein verlagern. Vorgestern Migration, gestern Klima, heute Corona. Zusammenhänge?

Für mich zeigt dies den schwierigen Umgang mit Ambiguität: Die Mehrdeutigkeit von Entscheidungen, das „nicht eindeutige“, das „Unklare“ nicht aushalten zu können. In der vergangenen Woche gab es einen Gastkommentar im Stadtanzeiger von Gerd Bosbach, Professor für Mathematik und Statistik. Er schreibt: „Nein, Zahlen sind nicht eindeutig. <Die> Wissenschaft, der man einfach vertrauen kann, gibt es nicht und sollte es in einer Demokratie auch nicht geben. Welche Zahl unser Denken dominiert, hängt oft davon ab, welche medial im Mittelpunkt steht. Oder auch von unserem Gefühl. Hier muss ich als ehrlicher Statistiker anfügen, dass viele Sachverhalte gar nicht messbar sind: Die Trauer der Angehörigen, das Leiden von Kindern, das der Älteren, abgeschnitten von den gewohnten Kontakten. Auch die Folgen der Schulschließungen in der Zukunft sind nicht messbar. Hier hat Statistik Grenzen, hier sind Politik und letztendlich wir gefragt. Eine Herrschaft ausgewählter Wissenschaftler jagt mir dagegen Angst ein.“ (1)

Irgendwie müssen wir wohl lernen, bei der Flut der tätlichen Informationen nicht wahnsinnig zu werden. Bei all den Daten, Statistiken, Kurven und Übersichten drohen die wichtigen Entwicklungslinien, die wichtigen Fragen verloren zu gehen. Für mich ist die Corona-Krise so etwas wie ein Testlauf für das, was uns beim Klimawandel bevorsteht. Was wir derzeit an Lockdown, an Krise, an Einschränkungen, an staatlichen Eingriffen erleben und wie wir gesellschaftlich und auch persönlich damit umgehen wird für zukünftige Katastrophen wichtig sein. Wachstum ist ja bei allen Exit-Strategien derzeit das wichtigste Wort. Wachstum soll uns nicht nur aus der Krise führen, sondern auch alle weiteren Probleme lösen. Können wir ökologische Probleme durch Wachstum lösen? Darüber habe ich mir so meine Gedanken gemacht.

Der menschengemachte Klimawandel ist, bis auf einige Extremisten wie Trump, Bolsonaro, die AfD oder den australischen Premierminister Morrison, weltweit als Fakt anerkannt, wenn auch die konkreten Auswirkungen umstritten sind: Ob 1,5- oder 2-Grad-Begrenzung notwendig sind, welche Stoffe welche Auswirkungen haben, wann Kipppunkte eintreten etc.: Die Wissenschaftler vom IPPC gehen, bei sehr vorsichtiger Schätzung, davon aus, dass sich die Temperatur bis 2050 um maximal 2-Grad erhöhen darf, damit wir mit einem blauen Auge davon kommen (siehe Pariser Abkommen). Andere sind der Meinung, das reicht nicht. 1,5-Grad müssten es schon sein. 1992 im Kyoto-Protokoll verpflichteten sich übrigens die Staaten, bis 2012 die Treibhausemissionen um fünf Prozent zu reduzieren. Von 1990 bis 2015 stiegen die CO2 Emissionen aber bereits um mehr als 60%. (8) Um das 2-Grad Ziel zu erreichen, darf jeder Mensch weltweit, bei gleichbleibender (sehr unwahrscheinlicher) Bevölkerungszahl, maximal 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr pro Kopf verbrauchen, dazu gibt es keine zwei Meinungen. Wir Deutschen liegen derzeit bei ca. 12 (!) Tonnen, unsere amerikanischen Freunde bei 16 Tonnen, Burundi kommt auf 0,03 Tonnen. (2) Es muss also dringend etwas passieren, denn die sog. Schwellen- und Entwicklungsländer nehmen sowohl bei der Bevölkerungszahl als auch beim CO2 Verbrauch stark zu, verständlicherweise, denn wer möchte nicht so leben wie wir. Ändert sich nichts an unserem Verbrauch, ist das weltweite Budget an CO2-Reserve in spätestens 10 Jahren aufgebraucht. Für mich persönlich könnte das alles noch reichen, ich bin dann etwa 80 Jahre alt und die Probleme tauchen ja immer erst woanders auf, vornehmlich in den Ländern des globalen Südens: Unseren REWE-Markt erreichen die Problemlagen erst viel später, Ausnahme Toilettenpapier. Es geht im Prinzip um zwei Themen:

Einerseitsum den Bereich der erneuerbare (regenerativen) Energien“ und zum anderen um die Frage passen wirtschaftliches Wachstum und Ökologie zusammen, d.h. geht beides zugleich?

Christian Holler und Joachim Gaukel haben in Anlehnung an David MacKay auf 214 Seiten (5), Berechnungen zum Thema „Erneuerbare Energien“ angestellt und alle möglichen Varianten für jede alternative Energieart durchgerechnet. Demnach verbraucht jede/r Deutsche pro Person und Tag durchschnittlich 125 kWh Primärenergie, real sind das 85 kWh, also wenn man die Wärmeverluste bei der Erzeugung und dem Transport abzieht. Von den 85 kWh entfallen 5% auf den Stromverbrauch im Haushalt, der Rest ist Heizung (20%), Verkehr (20%), Warentransport (10%), Industrie, Gewerbe (45%). Weltweit liegt der Durchschnittsverbrauch an Primärenergie übrigens bei 57 kWh. Für uns in Deutschland ist folgendes interessant: Um den Anteil der Primärenergie (125 kWh) durch erneuerbare Energiequellen zu erzeugen, müsste folgendes passieren:

Alle nach Süden geneigten Dächer aller Häuser in Deutschland werden mit Photovoltaik oder Solarthermie belegt;

Es müssten zusätzlich 3600 km² Grünfläche mit Photovoltaik belegt sein (=1 % der Fläche Deutschlands, oder ca. 500.000 Fußballfelder);

Wir brauchten 100 000 Windräder mit 120m Rotordurchmesser (erfordert ca. 10% der Fläche Deutschlands);

Zusätzlich brauchen wir 13 000 km² Offshore Windanlagen (also in der Nordsee);

Durch Biomasse etwa ein Drittel aller landwirtschaftlich genutzten Flächen und 50% aller Erträge aus den Wäldern für die Biomasse. (5)

Zusätzlich muss das alles dann natürlich noch zu uns Verbrauchern transportiert werden (Überlandleitungen etc).

Diese gigantische Umstellung kollidiert natürlich mit dem Naturschutz. Forscher der Leopoldina weisen darauf hin, dass wir Artenreichtum und eine widerstandsfähige Natur, sowie eine Stabilisierung der Ökosystem in einer Welt nach Covid-19 dringend brauchen als langfristige Lebensgrundlage und vor allem als Vorsorge vor weiteren ruinösen Pandemien. (9) All das spricht eher für weniger Eingriffe in die Natur. Der Anteil der regenerativen Energie liegt derzeit bei 11% in Deutschland, eine Erhöhung des Anteils ist, ohne großflächige ökologische Zerstörung, nicht zu haben. (6)

Eine Umstellung auf rein alternative Energiequellen ist also realistisch betrachtet, nicht vorstellbar und entfällt als Lösung. Entweder bleiben wir bei der fossilen Verbrennung, dann können wir das 1,5- oder 2-Grad Ziel sofort vergessen oder wir müssen unseren Energieverbrauch drastisch reduzieren. Der Preis für das Rohöl ist im Moment auf ein historisches Tief gefallen, die Wiederankurbelung des Wachstums durch diesen fossilen Rohstoff wird also erheblich billiger als gedacht, leider nicht für die Ökosphäre. Nebenbei bemerkt: Ein Auto verbraucht ca. 18 kWh pro Person und Tag. Zusätzlich für die Herstellung, umgerechnet auf seine Lebenszeit, etwa 4 kWh pro Tag, zusammen also 22 kWh pro Person und Tag, einfach so. (2)

Bleibt Frage zwei: Passen wirtschaftliches Wachstum und Ökologie zusammen (#Öko-Wachstum) oder schließen sie sich gegenseitig aus? Jetzt wo die Wirtschaft weltweit einbricht und alle Exit-Strategien nur noch vom Ankurbeln der Wirtschaft reden, ist das die wichtigste Frage.

Für Ursula Von der Ley­en ist der Green Deal die neue eu­ro­päi­sche Wachs­tums­stra­te­gie. Das bis­he­ri­ge Wachs­tums­mo­dell be­ruh­te auf Raub­bau an der Na­tur und auf Ex­ter­na­li­sie­rung der Kos­ten bis hin zu den glo­ba­len Müll­hal­den. Sie setzt auf mehr Aut­ar­kie, durch mehr Kreis­lauf­wirt­schaft, bei der zwar der Na­tur ein­ma­lig et­was ent­nom­men wird, das dann aber mög­lichst re­cy­celt oder re­pa­riert wer­den kann. Zweiter wichtiger Punkt für sie ist ein Pa­ra­dig­men­wech­sel: weg vom Kau­fen, hin zur Dienst­leis­tung. So­lan­ge ei­ne Wasch­ma­schi­ne ge­kauft wird, gibt es ein In­ter­es­se dar­an, dass sie nach ei­ner Wei­le ka­putt­geht und bil­lig ent­sorgt wird. Wenn sie aber vom Her­stel­ler über ei­ne Art Dienst­leis­tung zur Ver­fü­gung ge­stellt wird, hat er selbst das größ­te In­ter­es­se dar­an, dass die Wasch­ma­schi­ne mög­lichst lan­ge hält. (9). Dahinter steckt die Idee, die Produkte ökologischer (sauberer / nachhaltiger) zu machen, den Wachstumsschwerpunkt also auf „nachhaltige Produkte“ zu lenken. Das Wachstum soll beibehalten werden, aber nur irgendwie ökologischer, also Elektro Autos mit der entsprechenden Infrastruktur, alles irgendwie smarter, inkl. Smart-Homes.

Hört sich gut und richtig an, das Problem bleibt: Es handelt sich um eine „Wachstumsstrategie“, und Wachstum und Nachhaltigkeit vertragen sich nun mal nicht. Es gibt keine technisch nachhaltige Lösung für das Problem, da alle technologischen Lösungen wiederum Ressourcen verbrauchen, sowohl Bodenschätze als auch Energie. Wie wir leben möchten, ist eine soziale und kulturelle Frage und folgt dementsprechend kulturellen und sozialen Logiken, die haben mit Naturgesetzen nichts, aber auch gar nichts zu tun. (4) Wir müssen uns also zunächst fragen, wie nachhaltig wollen wir leben, was gehört alles dazu und wie könnte eine solche Gesellschaft aussehen?

Tim Jackson, Professor für Nachhaltigkeit geht seit 2010 der Frage nach, wie wir die Hoffnung auf ein gutes Leben mit den Grenzen und Zwängen eines endlichen Planeten in Einklang bringen können. (8). Seine Forschungsergebnisse machen deutlich, dass ressourcenschonender Wohlstand für alle nicht durch ein kapitalistisches Wachstumsmodell erreichbar ist, wobei für ihn Wohlstand bedeutet, dass wir fähig sind, uns als menschliche Wesen zu entwickeln und ein gutes Leben zu führen -und dies innerhalb der ökologischen Grenzen des endlichen Planeten. „Wohlstand für einige Wenige, der auf Umweltzerstörung und anhaltende soziale Ungerechtigkeit gegründet ist, ist kein Fundament für eine zivilisierte Gesellschaft“. (8)

Das Problem: Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem beruht auf dem sog „Freien Markt“ (Marktliberalismus), also der reinen Profitorientierung allen Handelns, das Geldverdienen bestimmt das unternehmerische Handeln. Wir nennen es bei uns „Soziale Marktwirtschaft“, aber das ändert am Prinzip nichts, schließlich stehen wir „im Wettbewerb“ mit allen anderen. Innerhalb „unserer“ sog. Sozialen Marktwirtschaft werden lediglich einige Auswüchse durch Rahmenbedingungen gemildert (Sozialgesetzgebung, Kurzarbeitsgeld, Streikrecht ..), die im Moment weltweit Bewunderung finden, aber die Probleme grundsätzlich nicht lösen. Dem kapitalistischen Wirtschaftssystem liegt auch der entsprechende Freiheitsbegriff zugrunde, demzufolge man alles tun kann, was man möchte -wenn das Geld dazu vorhanden ist. Treibstoff des Kapitalismus ist unser technologisches System, welches für alles eine technische Lösung anbietet (siehe auch 05 #Technopol). Sichtbarstes Kennzeichen derzeit ist die Digitalisierung, mit deren Hilfe wir unseren „naturzerstörenden Lebensstil“ perfekt umsetzen können. Unser konsumistischer Lebensstil ist der Motor für dieses Wachstumsmodell. Das System ist expansiv geprägt. Wir wissen, schreiben und reden viel über die technologische Seite aber kaum etwas über die kulturellen Auswirkungen, die dies in Punkto Arbeit, Mobilität, Ernährung, Wohnen, Zeit, Gesundheit in unserer Welt hat. (4)

Dieses expansive System hat sich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges etabliert. Seitdem setzten wir  Fortschritt ausschließlich mit materiellem Wohlstand gleich. Dazu haben die ungeheuren Effiziensteigerungen in den letzten Jahrzehnten beigetragen. Der technische Fortschritt und die globalisierte industriellen Produktion steigerten die Produktivität und damit das ständig wachsende Volumen an Produkten und Gütern, seit einigen Jahren natürlich alles (vieles) in Bio-Qualität. Ohne „Bio“ oder „aus nachhaltigen Rohstoffen“ im Aufdruck oder einem entsprechenden Zertifikat läuft nichts mehr

Der technischen Fortschritt hat zum effizienteren Ressourcenverbrauch geführt, aber es bleibt bei dem massiven Raubbau an der Ökosphäre. Statt weniger, benötigen wir immer mehr Energie und stets neue Ressourcen, wie seltene Erden, für unsere High-Tec Produkte. Effizienz in der Produktion hat also nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Das Scheitern dieser Idee vom grünen Wachstum hat systemische Gründe, es gibt keine Entkopplung von Nachhaltigkeit und Wachstum:

Die relative Entkopplung, also die effiziente Herstellung, benötigt mehr Investitionen, mehr Infrastruktur, mehr Produktionsanlagen: je innovativer desto mehr, gekoppelt an den Abbau alter Strukturen (Ersatz von Ölheizungen, verschrotten alter Autos, Elektromobilität jeglicher Form). Hinzu kommen die Entsorgungs-Probleme: Wohin mit dem Müll der abgebauten Anlagen / Produkte? Die Nebenfolgen der einen Innovationswelle beschwören die Notwendigkeit einer weiteren herauf, die wiederum eine neue Innovationswelle erfordert, wir nennen es Wirtschaftswachstum, da durch diesen Kreislauf die Wirtschaft, unser BIP (Brutto-Inlands-Produkt) beständig steigt -nur darauf kommt es den „etablierten“ Ökonomen an. Hinzu kommt noch der sog Rebound Effekt, wenn die Effizienz steigt, wird mehr verbraucht, ich fahre jetzt ein Elektro-Auto, da kann ich beruhigter einen Flug buchen. Früher hieß das Ablasshandel, heute kaufe ich CO2-Zertifikate, um mein schlechtes Gewissen zu entlasten. Ich -als ehemaliger Katholik- finde, die Beichte in der Kirche war da einfacher: Nach der Beichte gab es kein schlechtes Gewissen mehr. Die relative Entkopplung ist nach Ansicht der Wissenschaftler kein Modell, um den Klimawandel zu verhindern, denn trotz der Innovationen in den letzten Jahrzehnten, entweicht heute 60% mehr CO2 in die Atmosphäre als 1950. (6)

Bei absoluter Entkopplung soll es weiterhin Wirtschaftswachstum geben, bei gleichzeitig absolutem Absinken des Energie- und Ressourcenverbrauchs. Es soll also mehr produziert werden und gleichzeitig weniger Energie und dabei weniger Ressourcen verbraucht werden. Hört sich irgendwie nach einem Trick aus dem Varieté an. Man muss also eine komplett neue nachhaltige Welt erschaffen, gleichzeitig die alten nicht effizienten Anlagen und Produkte abbauen und all das, bei absolut sinkendem Energie- und Ressourcenverbrauch. So gerne wir auch daran glauben möchten, es ist rein physikalisch nicht möglich, trotzdem ist die Umsetzung unsere einzige Chance. Das Problem beim Klimawandel: Zur Erreichung des 2-Grad (oder 1,5-Grad) Zieles, braucht es nicht nur die relative sondern vor allem die absolute Entkopplung.

Die Pläne und die Realität in Zeiten von Corona sehen komplett gegenteilig aus. Die anstehende riesige Verschuldung und Umweltzerstörung stehen in unserem System in einem engen Zusammenhang. Aus Angst vor Staatsbankrotten und Rezession werden derzeit gigantische Rettungsschirme geschnürt. Statt Fortschritte für die Umwelt wird, ob per „Green Deal“ oder fossiler Brennstoffautomatik, der Wachstumsmotor angeworfen. Der wirtschaftliche Aufschwung gilt systembedingt als „alternativlos“ und dabei sollen Ökonomie und Ökologie „zu ihrem Recht“ kommen. Das wird dann so formuliert:

Still­stand ist kei­ne Lö­sung. Wenn jetzt kei­ne Flug­zeu­ge mehr flie­gen oder kei­ne Au­tos mehr fah­ren, hal­ten wir das nicht lan­ge durch als Volks­wirt­schaft. Die Ant­wort muss sein, zum Bei­spiel durch neue CO₂-freie Treib­stof­fe Wachs­tum und Kli­ma­schutz mit­ein­an­der zu ver­söh­nen.“ Selbst wenn der „Green Deal“ angepackt werden sollte, ist sich die herrschende Wirtschaftsmeinung darin einig, „dass das gi­gan­ti­sche Kli­ma­schutz­pro­gramm nicht zu fi­nan­zie­ren ist. Elie Co­hen, ehe­ma­li­ger Wirt­schafts­pro­fes­sor in Pa­ris und Be­ra­ter des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron, sagt: „Ur­su­la von der Ley­en ver­steht of­fen­bar die Co­ro­na-Kri­se nicht. Das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt Eu­ro­pas wird tief ein­bre­chen, die öf­fent­li­che Ver­schul­dung stark an­stei­gen, für den Green Deal wird schlicht das Geld feh­len.“ (10) Die Not der öf­fent­li­chen Haus­hal­te und der Un­ter­neh­men ist das ei­ne. Min­des­tens ge­nau­so fol­gen­reich könn­te ei­ne an­de­re Ent­wick­lung sein: Die Öl­nach­fra­ge ist in der Re­zes­si­on ein­ge­bro­chen, warum auf teures nachhaltiges Wirtschaftswachstum setzen, wenn es auch auf fossiler Basis billiger geht, nur darauf kommt es im Kapitalismus an.

Was bleibt: Langfristige, die Umwelt schützende Ziele lassen sich in einer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft nicht realisieren. Unsere heutige Wohlstandsgesellschaft zwingt uns zu einem Wirtschaftswachstum ohne Ende. Mit der Globalisierung hat auch die internationale Arbeitsteilung zugenommen: Produziert wird immer dort, wo es gerade am günstigsten ist, auch wenn der Konsument noch so weit weg ist. Komplexe Versorgungsketten und lange Transportwege sind die Folge. Kann das so weitergehen? Wir tolerieren dieses Modell der „Externalisierung der Kosten“ solange das Wachstum unser Luxusleben stabilisiert. (3) Aber es kann nicht so weitergehen. Unser Wohlstands-Kartenhaus beginnt schon zu wackeln. (6) Was ist mit unserer individuellen Freiheit und dem Anspruch an Nachhaltigkeit? Was ist mit unserem Lebensstil?

„Wenn der Planet

erstens physisch begrenzt ist,

zweitens industrieller Wohlstand nicht von ökologischen Schäden entkoppelt werden kann,

drittens die irdischen Lebensgrundlagen dauerhaft erhalten bleiben sollen und

viertens globale Gerechtigkeit herrschen soll,

muss eine Obergrenze für die von einem einzelnen Individuum in Anspruch genommene materielle Freiheit existieren, diese kann sich nur an der Gesamtbilanz aller ökologischen Handlungsfolgen bemessen. Wir müssen unsere individuelle Freiheit neu justieren“, sagt Niko Peach in einem aktuellen Essay. (11)

Darüber denke ich in der kommenden Woche mal nach. Wie sieht das aus, bei mir und dem Thema Nachhaltigkeit und persönlichen Freiheit? Bin mal gespannt, was mir da so einfällt.

Noch mal zum nachschauen oder vertiefen:

  1. KSAT 15.05.2020, Gerd Bosbach Gastkommentar
  2. U. Brand / M. Wissen, Imperiale Lebensweise, oekom 2017
  3. Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut, 2016
  4. Harald Welzer, Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, Fischer 2014
  5. Erneuerbare Energien ohne heiße Luft / Holler und Gaukel, 2019
  6. Niko Paech, Postwachstumsökonomie -Befreiung vom Überfluss, oekom 2012
  7. SZ 15.04.2020, Bericht Forscherteam der Leopoldina
  8. Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum, oekom 2017
  9. ZEIT 16-2020: Interview mit Ursula von der Leyen
  10. ZEIT 18-2020: Klimapolitik von der Leyen, wächst da noch was?
  11. „Die gute Seiten der Zukunft“ / Essay von Niko Paech 2020 / https://oekom-verein.de/podcast-2-paech/

Veröffentlicht von Georg Steinhausen

Nach über 40 Jahren Lehrerdasein, nach 30 Jahren Schulcircus Radelito, nach 15 Jahren Austauschprojekt SOMOS-Wir sind, mache ich mir jetzt so meine Gedanken .... und schreibe einiges davon auf

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