07 #Nachhaltigkeit

Georg Steinhausen 24. Mai 2020

gedanken-kolumne.de – Mein Blick auf das große Ganze.

07 #Nachhaltigkeit

Die Sonne scheint, ich sitze im Garten und döse so vor mich hin. Das Gemurmel der Nachbarn dreht sich um die „Exit-von der-Lockdown-Strategie“, also die Wiedereröffnung der Stammkneipe und ihr Verhalten, bezüglich Abstand und Mundschutz in diesem Zusammenhang. Etwas lauter höre ich plötzlich: „Scheißegal, du lebst nur einmal“. Reflexartig schiebt mein Gehirn eine Liedzeile in den Vordergrund, die ich entweder von einem Abiturienten nach den schriftlichen Klausuren (Abi-Fahrt!) oder bei einem meiner Neffen vor Jahren aufgeschnappt habe: „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“. Nachhaltigkeit als Thema, fällt mir sofort ein: „Lohnt sich mal drüber nachzudenken“. Erstmal den Text des Liedes besorgen. Da ich nicht „Google“, sondern mit „Ecosia“ im Netz suche und dabei mittlerweile (mit allen anderen Nutzern) 93.507.898 Bäume gepflanzt habe (19.05. um 9:58 Uhr), bin ich natürlich öko-mäßig auf der Suche nach dem kompletten Liedtext. Hätten meine beiden Nachbarn ihren Bierdurst in den letzten Jahren nicht mit einem Billigprodukt, sondern gemeinsam mit der Werbekampge von Günther Jauch und Krombacher gestillt, wäre ein Großteil des Regenwaldes schon jetzt gerettet worden, sie hätten sich quasi täglich nachhaltig betrunken.

„Ich sollte vielleicht heute nicht an den Start / Jeden Tag Pommes Bratwurst und Bier / Man ist kein Mensch mehr lebt wie ein Tier / An diesen Tagen ist gar nichts normal / Die Dauerparty wird zu Höllenqual,  Aber Scheiß Drauf, Malle ist nur einmal im Jahr, Ole Ole und Schalalalalaa“ (Peter Wackel)

Nicht nur einmal im Jahr auf Malle oder in Nachbars-Garten, sagen wir: „Scheiß drauf“, oder denken es zumindest. Ständig bearbeitet uns dieses kleine „Scheiß-drauf-Virus“ bei allen Planungen und Tätigkeiten. „Es ist ja nur ausnahmsweise“ und „nur heute“ und „geht gerade nicht anders“. Als intellektuelle Dauernachdenker haben wir natürlich einen nachhaltigen Rahmen um unser Leben gezimmert. Vom Einkaufen, über Wassersparen, Essen, Energieverbrauch -natürlich Öko-Strom-. Die Freundschaften haben sich mittlerweile über die ganze Welt verstreut und Fernbeziehungen halten ja auch nicht ewig, so ganz ohne Kontakt. OK, da können wir noch dran arbeiten, an diesen Reisen in alle Welt, aber diese Planungen hat uns Covid-19 ja gerade erstmal abgenommen. Wenn aber nur wir hier in Deutschland voll nachhaltig und öko-mäßig unterwegs sind, nutzt das dann überhaupt etwas, weltweit? Also doch „Scheiß-drauf“?

OK, es soll heute um Nachhaltigkeit gehen mit den folgenden Fragen:

Wie leben wir so ganz normal, mit und ohne Corona? Was ist mit meiner Nachhaltigkeit? Was habe ich mit dem Klimawandel zu tun?

Wir wissen sehr genau: Menschen aus dem bildungsbürgerlich-kritisch-aufgeklärten Milieu, also du und ich, leben ökologisch auf besonders großem Fuß. Würden alle (weltweit) so leben wollen, wie wir, bräuchten wir zweieinhalb Planeten, wenn alle so leben wollen wie US-Amerikaner wären es Fünfeinhalb Planeten. Es ist nicht das fehlende Wissen, es ist das Nicht-Wissen-Wollen und natürlich das Nicht-Handeln-Wollen-Können. Nachhaltig und ethisch korrekt soll die Produktion sein, aber erschwinglich müssen die Waren für uns schon bleiben. (1)

Und da versauen uns gerade jetzt, zu Beginn der Grillsaison, die „Fleischbetriebe und Schlachthöfe“ unsere gute Laune. Ihre Missstände in Sachen „katastrophaler Wohnsituation für die unterbezahlten Wanderarbeiter“ aus „BulgaRumänien“ und ihre hohen Fallzahlen beim Corona-Virus führen wieder zum Lockdown in einigen Regionen. Nachhaltige Fleischproduktion sieht offensichtlich anders aus. Amerikanischen Hunden geht es besser als 40% der Weltbevölkerung (1). WIR sind das Problem, wie Stephen Emmott es beschreibt, denn unsere Nahrungsnachfrage wächst schneller als die Bevölkerung, Essen ist für uns zur Freizeitbeschäftigung geworden und man sieht es der Bevölkerung auch an. „Scheiß drauf“. Mit zunehmendem Wohlstand steigt auch noch der Lebensmittelbedarf überproportional. Je wohlhabender wir werden, je mehr essen wir, vor allem mehr Fleisch. Wir sind im puren „Viel-Fraß-Luxus-Modus“ angekommen und es gibt ja auch alles zu jeder Tages- und Jahreszeit. Die dazu gezüchteten Tiere müssen gefüttert werden, wir brauchen also noch mehr landwirtschaftliche Nutzflächen. Die Lebensmittelproduktion ist für etwa 30 Prozent der menschlich erzeugten Treibhausgase verantwortlich. Diese Gase beschleunigen den Klimawandel, der wiederum für instabileres Wetter sorgt und damit die Ernteerfolge gefährdet. Allein die extremen Dürren in Australien, Russland und den USA in den letzten fünf Jahren führten zu einem Einbruch bei der Getreideernte von 20 bis 40 Prozent. Langfristig steigen durch solche Ereignisse die Preise für Grundnahrungsmittel, die besonders für die Armen immer weniger bezahlbar sind. Auch der Wasserverbrauch steigt: Inzwischen werden rund 70 Prozent des verfügbaren Trinkwassers für die Bewässerung von Feldern verbraucht, ohne dass sich diese Quellen ausreichend schnell wieder regenerieren können. (2) Wir lagern die landwirtschaftlichen Nutzflächen für unser Essen in alle Welt aus. Drei-Viertel der Ernte Lateinamerikas wird für die Massentierhaltung in Europa benötigt. Monsanto hilft vor Ort für eine intensive Bewirtschaftung. (1)

Wir sind schon sehr schräg drauf und nachhaltige Ernährung sollte eigentlich anders schmecken. Essen wird dabei immer billiger, natürlich auch dank der gigantischen EU-Subventionen für die Landwirtschaft, da bleibt bei uns noch mehr Geld für den Konsum, nur im globalen Süden ruinieren unsere billigen Lebensmittel den dortigen Markt. Über ein Drittel unseres Einkommens stecken wir jetzt schon in den Konsum und je mehr wir verdienen, desto höher ist dieser Anteil. Einerseits mahnen wir die ökologische Krise an und andererseits schreitet die Umweltzerstörung immer schneller voran. Unser globaler Ressourcenverbrauch hat sich seit 1970 verdreifacht. (3)

Letztes mal aus dem Zimmer raus / Heute halte ichs noch einmal aus / Gerade noch im Bett jetzt mittendrin / Bei der Happy Hour bin ich der King/ Aber Scheiß Drauf, Malle ist nur einmal im Jahr / Ole Ole und Schalalalalaa

Im Moment spüren wir, dank Corona, wie es auch „nachhaltiger“ aussehen könnte: kaum Produktion, kein Verkehr in der Luft und auf der Straße, saubere Luft zum Atmen, kein Müll in öffentlichen Parks, keine Kreuzfahrt, Urlaub in der Nähe planen, mehr Ruhe genießen. Lockdown. Kann nicht vieles einfach so bleiben?

Irgendwie sind sich auch die Kommentatoren in den Zeitungen einig, dass die Welt nach Corona ganz anders aussehen wird als vorher. Wie genau, bleibt unklar. WIR, der bürgerliche Mittelstand, denkt natürlich sofort an Nachhaltigkeit, weniger Konsum, weniger Verkehr, während es bei allen anderen, um wirtschaftliches Wachstum und Stabilität zu gehen scheint. Wer immer schon wenig verdient hat und wessen Arbeitsplatz auf der Kippe steht oder schon weggefallen ist, hat verständlicherweise mit Nachhaltigkeit derzeit nichts am Hut. Selbstständige und Mittelständler wollen und müssen sich ebenfalls ökonomisch retten und denen ganz oben in der Einkommenspyramide ist es eigentlich egal, sie stehen immer auf der Gewinnerseite. Nachhaltigkeit bedeutet für sie, es geht einfach alles wie bisher -weiter auf der Sonnenseite.
Die Freiheit, alles machen zu können, was unserer materialistisch organisierten Konsumgesellschaft gerade einfällt, scheint bedroht. Jede und jeder hat seine individuelle Freiheit, die er/sie bedroht sieht. Der Staat muss uns, am besten individuell, mit einem besonderen Schutzschirm helfen in 80-millionenfacher Ausfertigung. Angst blickt nach Außen: Mehr Produktion ins Inland verlagern; Wachstum ankurbeln; Haushaltslöcher stopfen; Schäden begrenzen; Die Wirtschaft muss wieder brummen; Weniger Lieferketten (also das mittlerweile alle Arzneimittel, insbesondere die Wirkstoffe, in China und Indien produziert werden ist natürlich schon komisch, (4) früher war hier alles um die Ecke, „beim Bayer“); Mehr Urlaub in Deutschland; Mehr Digitalisierung in allen Bereichen, vor allem in der Schule, hängen wir damit zu weit zurück; Mehr „Home-Office-School-Work-Life-Balance“; Mehr EU-Hilfen ja, aber nach unseren Kriterien; Weniger Präsenz-Konferenzen weltweit, weil das irgendwie sauberer und nachhaltiger ist; Insgesamt Angstabbau durch kaufen, kaufen, kaufen.

Bis auf Peter Altmeier, die Auto-Lobby und die FDP sind natürlich alle weiterhin für den Klimaschutz, wenn auch stets mit einem „aber“. Aber man darf die Öko­lo­gie eben nicht zur Ideo­lo­gie ma­chen und man darf halt die Men­schen und die regionalen Besonderheiten dar­über nicht ver­ges­sen. Es ist das lau­te „Ja, aber“ aus der Mit­te der Ge­sell­schaft und aus der Mit­te der Her­zen. Uns, und den „li­be­ra­len Eli­ten“ (darf man das so sagen?) aus Wirt­schaft und Po­li­tik fällt das Aber ein, wenn wir die SUVs, die Rei­se­lust oder das Ver­mö­gen be­droht se­hen. Die Ar­beit­neh­mer und Ge­werk­schaf­ten kom­men da­mit, wenn Ar­beits­plät­ze in der Au­to­mo­bil- oder Koh­le­bran­che hin­ter­fragt wer­den. Und wir alle zusam­men füh­ren das Aber im Mund, wenn es um das Pen­deln oder die Fahrt mit dem Au­to in die In­nen­stadt, den Einkauf im Supermarkt auf der grünen Wiese oder die schö­nen Ur­laubs­rei­sen geht. (5) Also alles wie gehabt nach Corona oder was ist los? Lasst uns etwas über den Klimaschutz und das Thema Nachhaltigkeit nachdenken, denn hier liegt wohl eine der stärksten Bedrohungen für das menschliche Leben auf dem Planeten.

Jetzt gefällts mir die Beschwerden sind weg / Verweigerung hat hier keinen Zweck / Es rockt fast jeder in Stadt und Land / Bier gibts genug es fehlt der Verstand, Aber Scheiß Drauf / Malle ist nur einmal im Jahr / Ole Ole und Schalalalalaa

Heißt unsere Antwort: „Scheiss Drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“? Was ist mit unserem alltäglichen „Scheiss Drauf-Lebensstil-Konsum-Verhalten“?

US-Präsident Jimmy Carter sagte in einer landesweiten Fernsehrede 1979:

„Die Identität des Menschen definiert sich nicht mehr danach, was jemand tut, sondern was er besitzt. Aber Besitz und Konsum befriedigen unsere Sehnsucht nach Sinn nicht. Ich bitte Sie zu ihrem eigenen Wohl und für die Sicherheit der Nation, auf unnötige Reisen zu verzichten und wann immer möglich Fahrgemeinschaften zu bilden oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Jede Form de Energiesparens ist gut für das Allgemeinwohl. Mehr noch, sie ist eine patriotische Handlung.“ (7)

US-Präsident George Bush betonte 1992 bei der Klimakonferenz in Rio:

„Der „amerikanische Lebensstil ist nicht verhandelbar“. (1)

Wie schnell sich die Zeiten ändern können. Wenn der Spruch von Bush für mich und dich nicht gelten soll, wird es um Resilienz, also um Widerstandsfähigkeit gegen gesellschaftliche und auch persönliche Entwicklungen, Einstellungen, letztlich unser Handeln gehen. Aber, was ist mit unserer persönlichen Freiheit? ☹ Hört sich nach einem neuen Thema an, vielleicht sollte ich mal über Freiheit nachdenken.

Können wir uns einfach so alles leisten? Ist unsere Freiheit grenzenlos? Sollte die Politik stärker eingreifen, mehr Grenzen setzen?

Seit den 80er Jahren haben wir geglaubt, wir könnten durch technische Innovationen Ökologie und Ökonomie in Übereinstimmung bringen und durch wirtschaftliches Wachstum und mehr Bio-Produkte die Welt retten. Wir persönlich haben uns einem weltoffenen, grenzenlosen Lebensstil hingegeben. Freiheit haben wir für uns so definiert, einfach all das machen zu können, wozu unser Geld reicht. Schulden machen, Ratenkäufe gehörten zum Style, bis 2008 erstmals eine Blase platzte (Finanzkrise) und wir uns im vergangenen Jahr mit den Forderungen der „Fridays-for-Future-Bewegung“ konfrontiert sahen. Ein Angriff auf unsere Freiheit. Und jetzt? Müssen wir nicht grundsätzlicher über unser kapitalistisches Wirtschaftssystem und das ewige Wirtschaftswachstum nachdenken? Für Ingolfur Blühdorn steht diese entscheidende Frage bei der neuen Klimabewegung eher am Rande. Aus seiner Sicht fordert sie nur rein technologiezentrierte und marktkonforme Maßnahmen, die aber, so Blühdorn, völlig unzureichend sind. (6)

Auf jeden Fall habe ich gerade per „Ecosia-Suchmaschine“ 94.931.261 Bäume gepflanzt (24.05.2020 14:24 Uhr). Reicht das aus, um die Welt zu retten oder zumindest etwas nachhaltiger zu machen?

Noch mal zum nachschauen oder vertiefen:

  1. Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut, 2016
  2. Emotts, 10 Milliarden -wie werden wir satt
  3. SZ 25-04-2020: Kommentar / Nikolaus Piper
  4. U. Brand / M. Wissen, Imperiale Lebensweise, oekom 2017
  5. ZEIT 8/2020
  6. SZ 14.05.2020, Maßnahmen gegen die Klimakrise, Interview mit Nachhaltigkeitsforscher Ingolfur Blühdorn
  7. Michael Kopatz, Schluss mit der Öko-Moral, oekom 2019

Veröffentlicht von Georg Steinhausen

Nach über 40 Jahren Lehrerdasein, nach 30 Jahren Schulcircus Radelito, nach 15 Jahren Austauschprojekt SOMOS-Wir sind, mache ich mir jetzt so meine Gedanken .... und schreibe einiges davon auf

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