09 #Zwischenbilanz

09 #Zwischenbilanz

Komische Zeiten, jetzt so Anfang Oktober 2020. Irgendwie ist unklar, ob wir weiterhin mittendrin in der Pandemie sind, oder doch schon die zweite Welle erleben. Die Infektionszahlen steigen weltweit -überall-, irgendwelche Indikatoren geben Auskunft darüber, ob ein Risiko besteht oder nicht. US-Präsident Trump wurde gestern positiv auf Covid-19 getestet. Wird die eigene Erfahrung etwas bewirken in seinem Umgang mit der Pandemie? Die Beispiele von Boris Johnson und Bolsonaro zeigen das Gegenteil -leider. Der FC spielt gerade vor 300 Zuschauern, statt vor 9000, weil die Zahl der Infizierten von 100.000 Einwohnern in Köln bei 36,2 statt 35 liegt. Berechtigterweise stellt der FC die Frage, warum eine Outdoorveranstaltung verboten ist, die Philharmonie aber Indoor mit 50% Besucherbelegung spielen kann?

Für große Teile der Welt wird erneut eine Reisewarnung ausgesprochen. Der Bonner Virologe Streeck fordert eine neue Zählweise der Infektionen. Da es keine Zunahme der Todeszahlen in Deutschland und auch die Belegung der entsprechenden Notfallbetten bei unter 1% liegt, müsse die Gesamtstrategie überdacht werden, da wir grundsätzlich noch über Jahre mit der Pandemie leben müssen, hält es eine Gesellschaft seiner Meinung nach, nicht aus, ständig unter Restriktionen zu leben. Der Philosoph Markus Gabriel ergänzt, dass die Kollateralschäden, die durch Lockdown und unklare Restriktionen bereits entstanden sind, diese neue Strategie erfordern. Es sieht so aus, als blieben wir derzeit in der engen Abhängigkeit von Politik und Virologen gefangen. Es fehlt eine offene gesellschaftliche Diskussion, an der auch andere wissenschaftliche Disziplinen beteiligt sind. Im kommenden Jahr sind Bundestagswahlen und es scheint so, dass sich kein Politiker eine Blöße geben will, um seine Chancen nicht zu verspielen. Der Schein muss gewahrt werden.

Also, eine ziemlich unklare Situation. Einerseits besteht berechtigter Zweifel an der Wirksamkeit der vorgeschriebenen Maßnahmen, die sich z.T. täglich widersprechen, andererseits möchte man auch nicht mit Verschwörungstheorien in einem Topf schwimmen bzw. mit rechten Parolen verbandelt werden. Um nicht missverstanden zu werden, fallen Lösungsvorschläge schwer oder geraten schnell in einen verschwörungstheoretischen Verdacht, dabei ist Ruhe derzeit eine Option, die völlig unangebracht erscheint. Vorsichtig erscheinen Fragezeichen auch in der öffentlichen Diskussion. So schreibt Frank Nägele gestern im Kölner Stadtanzeiger: „.. wir brauchen für den Umgang mit der Pandemie eine neue Sprache“ und weiter „Wir sind Teilnehmer eines Langstreckenrennens, dass die richtige Strategie erfordert, damit der Gesamtschaden an der Gesellschaft, an allen Gesellschaften, nicht irreparabel wird“. Er weist darauf hin, dass die ständige Erinnerung an die Regeln und deren Einhaltung, vor allem in der Tonlage, wie es postuliert wird, genau das Gegenteil bewirkt. Wir brauchen seiner Meinung nach, das Wissen um eine klare Strategie. Es ist Zeit für eine andere Wahrnehmung des Geschehens, denn wir müssen die Pandemie aushalten, ohne abzustumpfen und ohne die Nerven zu verlieren. (KSTA 2.10.2020) Interessanterweise hört man solche Kommentare nicht von den leitenden Redakteuren oder aus der politischen Redaktion, sondern von einem Sportredakteur.

Derzeit zeigt sich auch, wer die beste und effektivste Lobby hat. Kunst und Kultur und alle in diesem Bereich tätigen erbringen pro Jahr eine Wirtschaftsleistung von über 120 Milliarden Euro mit etwa 1,7 Millionen Beschäftigten, demgegenüber sind fast alle anderen Bereiche klein. Die Automobilbranche 140 Milliarden wirtschaftlicher Leistung rangiert mit 880.000 Millionen Mitarbeitern kurz davor, hat aber die einflussreichere Lobby. Auch FORD in Köln streckt seit ein paar Tagen die Hände aus in Richtung Politik. 500 Millionen sind für den gesamten kulturellen Bereich an Unterstützung vorgesehen. Ein Bruchteil der anvisierten 20 Mrd. Ausgaben für die Senkung der Mehrwertsteuer würde ausreichen, um den Kulturbereich zu stabilisieren. Der Stellenwert der Kultur zeigt sich so ganz deutlich in unserem, auf wirtschaftlichen Fortschritt und Wachstum angelegten Gesellschaftsmodell.

Wir leben in Vielfachkrisenzeiten (Pandemien, Klimawandel, Artenverlust, Bodenerosion, Migration, Flucht ……), gleichzeitig geht es uns so gut wie noch nie. Was machen wir daraus? Wir leben mitten in diesen Vielfachkrisen und diskutieren über Kommazahlen in Statistiken und im Infektionsbereich, deren Grundlagen sich zudem täglich ändern. Wenn wir schon in Deutschland -oder auf Landesebene- keine offensive Lösungsstrategie haben und auch die notwendige offene Diskussion dazu „verweigern“, wie wollen wir dann, die auf uns zurollenden großen Probleme, Klimawandel, Artenverlust etc. auch nur ansatzweise lösen ohne den Zerfall der Gesellschaft zu riskieren?

Die Corona-Pandemie könnte eine Blaupause für den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit Katastrophen sein, ich fürchte wir ignorieren diese Chance.

Veröffentlicht von Georg Steinhausen

Nach über 40 Jahren Lehrerdasein, nach 30 Jahren Schulcircus Radelito, nach 15 Jahren Austauschprojekt SOMOS-Wir sind, mache ich mir jetzt so meine Gedanken .... und schreibe einiges davon auf

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